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Wolf Haas
Der Brenner und der liebe Gott

Hoffmann und Campe
2009
224 Seiten
ISBN-13: 978-3-455-40189-9
€ 18,99


Von Alfred Ohswald am 22.09.2009

  Wolf Haas ist durch seine Brenner-Krimis zu Star geworden. Er recht, seit die sehr erfolgreiche Verfilmung mit Josef Hader in der Hauptrolle bereits beim dritten Teil der Knochenmann“ angelangt ist. Der Erfolg dieser Verfilmungen ist vor allem deshalb überraschend, weil sich die Krimis in erster Linie durch den ungewöhnlichen Erzählstil von Haas auszeichnen. In einer Art lockerem Plauderton nimmt er die Bezeichnung „Erzählen“ ernst und orientiert sich an der mündlichen Aussprache, wobei er seinem Erzähler ein paar Eigenheiten mitgibt, wie „quasi“, „aber interessant“ oder ähnliches. Diese Eigenheiten haben sich schon fast zu einer Art Markenzeichen des Erzählstils von Wolf Haas entwickelt und lassen den Erzähler noch authentischer wirken.
  Nach seinem sechsten Haas-Krimi mit dem Titel „Das ewige Leben“ und sogar einer ungefähr zeitgleich mit „Der Brenner und der liebe Gott“, einer Box mit „allen 6 Brenner-Krimis“ erscheint jetzt für alle und offensichtlich auch seinen Verlag völlig überraschend eine Zugabe, wie schon bei Alfred Komareks Polt-Krimis. Im Gegensatz zu Komarek hat Wolf Haas bis zuletzt Stein und Bein geschworen, keinen Brenner-Krimi mehr zu schreiben. Spätestens nach seinem ebenfall stilistisch reichlich ungewöhnlichen Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“, der sich jedoch in ziemlich jeder Beziehung von den Brenner-Romanen unterscheidet, wurde Haas von den meisten auch geglaubt, dass für ihn das Thema Brenner endgültig beendet ist.
  Und jetzt liegt der siebente Teil vor, gewohnt witzig und kauzig, gewohnt genial dahergeplaudert. Ein richtiger Brenner-Krimi, und nicht der schlechteste.
  Brenner ist inzwischen Privatchauffeur eines Bauunternehmers und seiner Frau, einer erfolgreichen Ärztin. Oft muss er ihre kleine Tochter zwischen seinem Büro in München und ihrer Klinik in Wien hin- und –zurückfahren. Dabei wird sie eines Tages bei einem Tankaufenthalt entführt. Natürlich erwachen dadurch Brenners alte Detektiv-Instinkte und er beginnt mit Nachforschungen, die ihn bis in eine Scheiss-Grube zu einer Begegnung mit Gott führen sollten.
 
  Jetzt fehlt nur noch eine vom Autor selbst gelesene Hörbuchversion zum vollständigen Glück. Und wenn Brenner schon seinem Schöpfer begegnet ist, hat er ihn hoffentlich bei dieser Gelegenheit um eine ungekürzte Lesung gebeten! Aber man soll den Teufel nicht an die Wand malen und dankbar sein, dass die beiden Simons (Brenner & Polt) noch mal das Licht der Welt erblicken durften.

Von Alemanno Partenopeo am 24.10.2009

  „Wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen“. Die Betonung liegt auf „einmal“, wie der Leser dieses fulminanten Comebacks bald erfahren muss. Wenn der Brenner nämlich in der Jauche liegt und mit dem lieben Gott spricht, glaubt man wirklich daran, dass es bald aus sein wird, mit unserem Lieblingsdetektiv. Tatsächlich red’t der Brenner also auch in der Stunde des Todes munter drauflos, denkt sich vor und zurück und im Kreis und findet doch noch die richtige Lösung für sein Dilemma, oder wäre hier das Plural angebracht? Dilemmas oder Dilemmata? Jedenfalls spricht der Brenner wieder im vertrauten Umgangston mit dem Leser (und dem lieben Gott), verwendet gerne das Perfekt oder beginnt seine Hauptsätze mit „Weil“, philosophiert mit Georg Büchner (in Abwesenheit) über das Anzünden von Palästen, obwohl die Reichen ja heute ohnehin mehr Hütten hätten und ist auch nicht darum verlegen, mit einer Südtirolerin ins Bett zu springen, obwohl er sie eigentlich kaum versteht und sie auch der eigentliche Ausgang allen Übels ist, wie der Brenner bald selbst schmerzlichst herausfinden muss.
 
  Als „Fara“ (Fahrer) von der kleinen Helena von ihren viel beschäftigten Eltern angestellt erlebt der „Herr Simon“ sein persönliches Armageddon, als das zweijährige Kleinkind auf einer Tankstelle entführt wird. Natürlich setzt der Hobbydetektiv und Ex-Polizist alles daran, Helena wiederzufinden und deckt dabei ganz nebenbei eine Verschwörung um den Wiener Prater auf. Dabei vertilgt er nicht nur eine Unmenge Tranquilizer, sondern auch unzählige alkoholfreie Biere und ebenso viele Espressos. Nebenbei läßt der Brenner ein paar schöne Lebensweisheiten über Gott und die Welt und die Frauen im Besonderen vom Stapel oder besser: von der Palette und diese fallen beim Leser nicht ins Leere, sondern in den wohl bereiteten warmen Schoß. Ein paar Satzperlen wie „Ihre Lippen wurden so schmal, dass man sich beim Küssen lebensgefährlich daran verletzt hätte“ oder „Weil das war die italienische Hälfte, die hilft beim Arrogant-Stampfen“ darf ich hier in der Rezension durchaus verraten. Eine gewisse Rolle spielt auch die „Zone der Durchsichtigkeit“, nämlich beim Spannungsbogen, in dem der Kulminationspunkt des Romans auf 100 durchgezählt wird. Die „Zone der Durchsichtigkeit“, so heißt nämlich die gläserne Haut der Eizelle, in der der Samen sich bei der Befruchtung festsetzt. 100 Stunden vergehen also bis der Brenner die Helena wiederfindet und 100 Stunden (6-7 Tage) dauert im Allgemeinen auch die Befruchtung, sagt quasi die Wissenschaft, wie der Brenner meint. „Einerseits spüren Sie es, andererseits argumentieren Sie so logisch“, sagt er einmal zur Südtirolerin und man möchte vor lauter Lachen fast in sein Milchglas spucken, wenn der Brenner die nur vertragen würde. „In der Milch wäre die interessante Nachricht gewesen“. Der Teufel liegt im Detail, der liebe Gott mit dem Brenner in der Jauchegrube…
 
  Natürlich spielt beim Brenner auch der Soundtrack eine gewisse Rolle und wer einmal von
 Jimmy Hendrix‘s “Castles made in the Sand” gehört hat, wird das “eventually” in dem Text nach dem Lesen des neuen Brenners mit qualitativ hochwertigerer Raffinesse betonen: „And so castles made of sand melts into the sea, eventually“. Und zum Soundtrack gehört nicht nur der Klingelton vom Handy - auch der Brenner geht mit der Zeit - sondern auch die Elegie vom Brenner über das Autofahren, bei der man fast Lust darauf bekäme, wenn man es nicht ohnehin schon die ganze Zeit über tun müsste. Sein Hohelied auf die „Wanderwut“ liest sich göttlich und man wünscht sich bald, so schnell wie möglich einen neuen Brenner herbei, da man auch diesen eben so schnell verschlungen hat, dass man gar nicht zum Nachdenken gekommen ist, ob der einem eigentlich wirklich so gut gefällt, oder ob man ganz einfach schon süchtig geworden ist, nach diesem ding, diesem Zeugs, dem Herrn Simon mit seiner Schokolade eben.

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