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Dan Lungu
Die rote Babuschka

Residenz Verlag
2009
Übersetzt von Jan Cornelius
246 Seiten
ISBN-13: 978-3701715114
€ 21,90


Von Hans Durrer am 08.06.2009

  Die Rahmenhandlung dieses wirklich witzigen Buches findet sich auf der vierten Umschlagseite gut zusammengefasst. Hier ist sie:
 
  „Zehn Jahre nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur stehen Neuwahlen an. Die Rentnerin Emilia Apostoae, die den grössten Teil ihres Lebens unter dem Regime der „Volksmacht“ verbracht hat, erhält einen nach Anruf von ihrer nach Kanada emigrierten Tochter Alice: ‚Wähle ja nicht die Kommunisten.’ Dieses Telefonat und die folgenden Diskussionen stürzen Emilia in eine Identitäts- und Nostalgiekrise und sie erinnert sich wehmütig an eine Zeit, in der alles perfekt schien (aber gar nichts stimmte). Nach und nach verwebt die ‚rote Babuschka’ den problematischen Alltag des heutigen Rumänien mit dem Alltag der Vergangenheit und geht sich dabei selbst auf den Leim.“
 
  Die Gedanken und Überlegungen, die sich Emilia Apostoae so macht, liessen mich immer mal wieder laut herauslachen. Als Tochter Alice und der Schwiegersohn in spe, Alain, zu Besuch nach Rumänien kommen, kommentiert sie etwa: „Er hatte Discoklamotten an – Jeans, ein T-Shirt und Laufschuhe. Ich habe ja keine Ahnung, wie man es so in Kanada hält, aber wenn man sich bei uns schick macht, weil man um die Hand eines Mädchens anhalten möchte, dann zieht man sich ganz anders an. Hatte er denn nichts Besseres im Schrank? Tucu schwitze sich halbtot in seinem Nadelstreifenanzug, und mit verging in dem viel zu eng sitzenden Tupfenkleid Hören und Sehen. Nun, wer schön sein will, muss eben leiden.“ Beim anschliessenden Essen wundert sie sich, dass Alain nur „einen Salat und zwei mickrige Stücke Fisch mit einer Zitronenscheibe bestellt“ und schliesst, dass ein Leben lang „ewig auf Diät, immer am Hungertuch nagen“ ziemlich unnatürliche Folgen habe müsse: „Deswegen werden sie alle neunzig, und ihre Kinder warten im Rentenalter noch auf das Erbe.“ Am selben Abend dann, vor dem Einschlafen der Schweigereltern in spe, liest man diesen ganz wunderbaren Dialog:
 
  „Hör mal, weißt Du, woran ich eben dachte?“
  „Mm?“
  „Dieser Junge, Alin …“
  „Alain!“
  „Für mich ist er Alin, lass mich in Ruhe!“
  „Was ist denn mit ihm?“
  „Wenn der eine Schubkarre voll Beton schieben müsste, würde er nach zehn Metern tot umfallen.“
  „Und?“
  „Ich mein’ ja nur.“
  „Wozu soll er denn Beton durch die Gegend schieben, er arbeitet doch bei einer Bank.“
  „Tia, da hast du auch wieder recht.“
  Danach sind wir beide eingeschlafen.
 
  Was diesen Roman lesenswert macht, sind die Schilderungen davon, was für Vorstellungen sich Emilia Apostoae von der Welt macht. Ganz wunderbar ist zum Beispiel diese hier: „Alice und Alain haben uns Hochzeitsfotos geschickt. Kaum zu glauben, dass die in Kanada aufgenommen worden sind: Stühle wie bei uns, Tische wie bei uns, Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen. Erst durch die toten Fische auf den Tellern wird einem klar, dass es hier um keine hundertprozentig rumänische Hochzeit geht.“ Wer jetzt wissen will, was denn eine hundertprozentig rumänische Hochzeit sein könnte, wird um den Gang zur nächsten Buchhandlung nicht herum kommen.
 
  Lesenswert macht diesen Roman aber auch die Beschreibungen des Lebens im Rumänien unter Ceausescu – die sind in der Tat, wie der Verlag schreibt, amüsant und schräg.
 „Erstens: In Rumänien hat jeder Arbeit. Zweitens: Obwohl jeder Arbeit hat, arbeitet keiner. Drittens: Obwohl keiner arbeitet, wird der Plan zu hundert Prozent erfüllt. Viertens: Obgleich der Plan zu hundert Prozent erfüllt wird, sind die Läden leer. Fünftens: Obwohl die Läden leer sind, können sich alle satt essen. Sechstens: Obwohl sich alle satt essen können, ist keiner zufrieden. Siebtens: Obwohl keiner zufrieden ist, spenden alle Applaus.“
 
  Was aber diesen Roman ganz besonders lesenswert macht, sind Schilderungen wie diese: „Catrina war auf Tucu gar nicht gut zu sprechen. Sie meinte, der elterliche Hof sei in einem chaotischen Zustand, seitdem er dort erschienen war. Weder würde er säen, noch den Garten bewässern. Unkraut jäten oder zur richtigen Zeit ernten. Er tat so, als hätte er alles im Griff, baute aber rund um die Uhr nur Mist. Die Hälfte der Hühner hatte das Zeitliche gesegnet und die übriggebliebenen musste man auf den Knien anflehen, ein Ei zu legen. Im Sommer hatte er die Tomatensträucher nicht zurückgeschnitten, sodass sie in den Himmel wuchsen, die Früchte jedoch so klein wie Kirschen waren. Die Mohrrüben waren zu dicht aneinander gepflanzt und mickrig. Das Unkraut stand so hoch wie der Mais. Die Pflaumenbäume wimmelten vor Raupen. Die Äpfel waren kaum grösser als Walnüsse.
  ‚Er spielt den erfahrenen Bauer, und das ganze Dorf lacht ihn aus!“, sagte sie.
  Mit anderen Worten: Ich hatte goldrichtig gelegen, als ich ihn mir in der Jugend ausgesucht hatte.“
  Das ist wunderbar knapp geschildert, hat einen überzeugenden Rhythmus, ist witzig und überrascht. Mit andern Worten: die Lektüre lohnt.

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