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Frances Sherwood
Die Schneiderin von Prag
oder Das Buch des Glanzes
(The Book of Splendor, 2002)

Europa Verlag
2003
Übersetzt von Miriam Carbe
416 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 14.07.2004

  Der Habsburger Kaiser Rudolf II. residiert im Jahr 1601 in Prag und driftet, vom Gedanken an ein Mittel zur Erlangung der Unsterblichkeit besessen, zunehmend in den Wahnsinn ab.
  Die junge jüdische Waise Rochel heiratet einen deutlich älteren Mann im Stadtteil der Juden. Doch ihre Welt wird vom Judenhass der Prager bedroht und schließlich dringt auch die Weisheit ihres Rabbis Löw zum Kaiser durch und er setzt sich in den Kopf, von ihm seine begehrte Unsterblichkeit zu bekommen. Rabbi Löw weiß sich nicht mehr zu helfen und schafft den Golem, einen riesigen, übermenschlich stakten Menschen aus Lehm. Gegen die Bedrohung durch den Kaiser ist allerdings auch er nutzlos. Rochel verliebt sich in den Golem, der Jossel genannt wird und handelt sich damit bald den Ruf einer Hexe ein.
  Mittlerweile versucht der Hofstaat des Kaisers irgendwie mit den Verrücktheiten Rudolfs zu Rande zu kommen. Er hat die zwei Alchimisten John Dee und Edward Kelley aus England kommen lassen, um auch von ihnen ein Unsterblichkeits-Elixier zu erhalten. Die beiden versuchen sich irgendwie durchzuschummeln, geraten aber auch zunehmend unter Druck. Die Stimmung und die Gerüchteküche in Prag brodeln und drohen außer Kontrolle zu geraten und die Juden stehen zwischen allen Fronten.
 
  Frances Sherwood malt in diesem historischen Roman ein farbenprächtiges, wenn auch etwas überzeichnetes Sittebild des Prager Hofes des etwas wunderlichen Kaisers Rudolf II. und verbindet es mit der bekannten Sage von Rabbi Löw und dem Golem. Ihr Golem ist allerdings kein Monster aus Lehm, sondern ein, wenn auch etwas überdimensional geratener Mensch.
  Der reizvollere Teil beschäftigt sich aber mit den recht originellen Figuren an Rudolfs Hof. Dort versammelt sich ein recht bunt zusammengewürfelter Haufen an, teilweise historischen Charakteren vom von seiner Blase geplagten Hofmathematiker, Astronomen und Astrologen Tycho Brahe und seinem Assistenten Johannes Keppler, den beiden englischen Schlitzohren John Dee und Edward Kelly, den Arzt und türkischen Spion Kirakos bis zum Diener und unehelichen Sohn des Kaisers Václav. Deren Intrigen und Eigenheiten bilden durch eine gewisse Skurrilität einen passenden Gegenpol zu den dramatischen Ereignissen um das Judenviertel in Prag.
  Der Roman steigert seine Dramatik und Spannung geschickt zunehmend gegen das Ende zu und endet schließlich mit einem Schlussteil hart an der Grenze zum Kitsch. Aber insgesamt wird diese Grenze gerade noch halbwegs umschifft.

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