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Gustav Meyrink
Der Golem
(1915)

Ullstein
2000
290 Seiten
€ 6,95 [D]


Von Alfred Ohswald am 10.03.2002

  Der Gemmenschnitzer Athanasius Pernath lebt im jüdischen Getto von Prag. Es herrscht eine düstere Atmosphäre voll Misstrauen, Angst und Hass vor. Albtraumvisionen wechseln sich bei Athanasius Pernath mit Gesprächen über düstere Themen ab. Die Legende vom Golem ist noch allgegenwärtig. Er misstraut dem undurchsichtigen Trödlers Aaron Wasserturm zutiefst und, wie sich herausstellen sollte, zurecht. Gefängnis und Ähnliches durchleidet er, und es stellt sich doch nur als Traum heraus. Oder ist es doch Realität ...?
 
  „Der Golem“ war zu seiner Zeit ein Bestseller, was angesichts der nicht eben wenig verwirrenden, zwischen Realität und Traumwelt schwankenden Handlung überrascht. Der titelgebende Golem, die belebte Lehmfigur des legendären Rabi Löw, spiel nur eine Nebenrolle. Eine unheimlich dichte Atmosphäre wird aufgebaut, bevor Meyrink langsam eine Handlung beginnen lässt. Wie „Das Cabinett des Dr. Caligari“ für den Film, ist Meyrinks „Der Golem“ einer der wichtigsten Vertreter des deutschen, phantastischen Expressionismus und erinnert beim Lesen auch stark an diesen Film. Dieser Vergleich ist vermutlich die treffenste Beschreibung für diesen Roman.
  Für Horrorfans muss man vielleicht noch hinzufügen, dass der Roman sicher näher bei Kafka als bei Stephen King und Co. liegt, keine allzuleichte Kost also.

Von Sascha Todtner am 21.06.2009

  Der Golem – künstliche Intelligenz? Rabbi Loew schuf zu Zeiten Rudolf II. nach den Regeln der mystischen Kabbala einen Diener aus Lehm, damit dieser die schweren Glocken läute und die Juden beschütze. Bis heute lebt im Judenghetto von Prag dieser Mythos, der von Gustav Meyrink zu einem Klassiker der phantastischen Literatur umgearbeitet wurde.
 
  Der Roman beginnt mit einem ungenannten Mann, der im Halbschlaf liegt und in seltsamsten Gedanken merkwürdige Bilder sieht. So fährt er im Schlaf in den Körper des Gemmenschneiders Athanasius Pernath der im Prager Judenghetto lebt.
  Meister Pernath hat eine merkwürdige Begegnung mit einem Mann der ihm das Buch "Ibbur" zur Ausbesserung anvertraut. Als Athanasius in dem Buch blättert, wird Pernath von seltsamen Visionen befallen die offenbar länger andauern, denn als er wieder daraus erwacht ist der Fremde verschwunden und Pernath kann sich nicht einmal mehr erinnern wie er aussah und ob er ihm etwas gesagt hatte. In späteren Gesprächen mit anderen Ghetto-Bewohnern glaubt er jedoch in dem Fremden den sagenhaften Golem wiederzuerkennen, der angeblich alle 33 Jahre im Ghetto auftaucht und einer Reihe grausamer Morde oder Unfällen vorausgeht.
  Zeitgleich erscheint auch noch den jungen Medizinstudenten Charousek, der Pernath erzählt, er hätte den Selbstmord eines berühmten Augenarztes herbeigeführt, da dieser der Sohn des von ihm über alle Maßen verhassten Trödlers Aaron Wassertrum ist und selbst ein grausamer Mann war. Erst hält Pernath das für einen seltsamen Wahnsinn doch nach und nach bewahrheitet sich was Charousek ihm erzählt hat. Mit in dieser Geschichte stecken der Dr. Savioli, den Charousek als Strohmann vorschob, und die adlige Angelina, die ein Verhältnis mit Savioli hat, aber offenbar auch in Pernaths Vergangenheit eine wichtige Rolle spielt. Immer und immer wieder wird Pernath von Visionen, seltsamen Gedanken und plötzlichen Angstzuständen gequält für die es nach einiger Zeit. Im vorgetäuschten Schlaf erfährt Pernath von ein paar Bekannten, dass er ein "Irrer" ist, den man durch Hypnose gnädigerweise aller Erinnerung beraubt hätte damit er wieder normal leben kann. Hin und wieder fallen ihm bruchstückhaft immer mehr Erinnerungsfetzen ein. Der Schriftgelehrte und Archivar Schemajah Hillel ist der Einzige, der ihn zu verstehen scheint sowie seine Gedanken lesen kann und ihm als Ratgeber zur Seite steht. Als sich die Umstände zuspitzen und Angelina Pernath um Hilfe gegen den erpresserischen Wassertrum bittet, sieht der Gemmenschneider eine Chance, seinem Leben einen Sinn zu geben, denn es zieht ihn, offenbar noch aus seiner Vergangenheit heraus, zu Angelina hin. Auf der anderen Seite aber spürt er in sich auch zärtliche Gefühle für Hillels Tochter Mirjam die unabänderlich auf Wunder hofft. Durch die Hilfe an Angelina zieht Pernath sich den Zorn Wassertrums zu, und weit reicht der Arm des vermeintlichen Trödlers, der in Wirklichkeit ein Millionär ist...
 
  Der 1915 entstandene Roman „Der Golem“ sollte eigentlich mit Bildern des österreichischen Künstlers Alfred Kubin geschmückt werden, was aber dann schließlich nicht geschah, da der deutschsprachige Autor Meyrink mit seiner Erzählung in Verzug war und so Kubin die Bilder für seinen eigenen Roman „Die andere Seite“ benützte.
  Meyrinks „Golem“ handelt nicht wie zu vermuten von der Prager Golemsage, sondern ist vielmehr ein eigenständige Geschichte, die den Mythos als Hintergrund, den der Leser kennen sollte, benützt. Der Golem tritt hier als ein unheilvoller Geist, als eine Verkörperung des Prager Judentums, das vollkommen korrumpiert und verbrecherisch lebt und liebt, auf.
  Zu Beginn erscheint das Buch rätselhaft, undurchdringbar. Der Stil schwer, der Inhalt verschlossen und verschwommen. Die ersten drei Kapitel sind eine wahre Qual – sollte man aber diese Hürde überwunden habe, sich also an den Stil gewöhnt haben und den Inhalt ein wenig klarer sehen, eröffnet sich dem Leser Erzählkunst auf dem Niveau von Franz Kafka und Leo Perutz – Prag in albtraumhaften Worten. Gerade zu bewusst expressionistisch und deshalb gewöhnungsbedürftig mutet der Stil Meyrinks an, der Form und Inhalt vereint.
  Meyrinks Werk ist inhaltlich schwer verdaulich und wirkt auf den Leser zuerst unbefriedigend, da viele Rätsel ungelöst bleiben bzw. mit der okkulten Mystik erklärt werden, die heute uns zum größten Teil unbekannt sind. Und dennoch stellt „Der Golem“ ein Meisterwerk dar für die Leser, die sich auf dieses Mysterium einlassen, die sich in die Geschichte um Liebe, Hass, Mord und Betrug hineinziehen lassen. Trotz alledem wäre es von dtv ratsam gewesen eine Glossar mit den typisch jüdischen Ausdrücken anzuhängen bzw. ein Vorwort hinzu zu fügen, welches die Eigenheiten der jüdischen Kultur sowie Kabbala und des Okkultismus erklärt.
  Lobenswert herzuheben ist der Fakt, dass die vorliegende Fassung in der Fassung des Erstdrucks von 1915 vorliegt und somit das Werk getreu wiedergibt.
 
  Das Cover des Buches ist in einem eleganten mysteriösen Grün gewählt, welches mit einem an Schiele erinnernden Bild auf der unteren Hälfte des Covers versehen ist. Das Nachwort von Ulrike Ehmann gibt zum Abschluss noch einen groben Überblick über das Gelesene und wird durch eine Zeittafel des Autors ergänzt.
 
  Ein grandioser Roman in Fassung der Erstausgabe, der für Kenner des Okkultismus und der Kabbala sowie der jüdischen Kultur einen wahren Genuss darstellt, allen anderen sei aber empfohlen sich vor dem Lesen des Romans mit diesen Themen und der Prager Golem-Sage auseinanderzusetzen um das Werk in Ruhe genießen zu können und die Vielschichtigkeit zu verstehen.

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