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Interview mit Heinrich Steinfest


Heinrich Steinfest

   Heinrich Steinfest wurde am 10. April 1961 in Albury in Australien geboren und wuchs in Wien auf. Dort lebte er bis in die 90er-Jahre und arbeitete als freischaffender Künstler.
Experimenteller Theaterarbeit mit dem Kunstverein "up-art" und einer Reihe SF-Erzählungen folgte schließlich 1996 mit "Das Ein-Mann-Komplott" sein erster Kriminalroman.
  Mittlerweile ist er in Stuttgart ansässig, verfaßte die Glosse "steinfests stuttgarturen" für die Stuttgarter Zeitung, schreibt Essays und Aufsätze und veröffentlichte die Romane "Der Nachmittag des Pornographen", "Cheng", "To(r)tengräber", "Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte" und "Ein sturer Hund".
  1999 erhielt er gemeinsam mit Marcus Hammerschmitt und Irmgard Hierdeis den 6. Würth-Literatur.Preis, 2000 das Stipendium für Literatur der Kunststiftung Baden-Württemberg und erreichte 2003 den 3. Platz beim Deutschen Krimi Preis für "Ein sturer Hund".

  Herr Steinfest, wie kommt man vom experimentellen Theater zum satirischen Krimi?

  Die Sache mit dem experimentellen Theater ist eigentlich eine Marginalie, die aus meiner Arbeit als bildender Künstler resultierte. Einmal in einer Biographie angegeben, hat es sich bis heute fortgepflanzt, wohl auch, da "experimentell" bei weitem aufregender klingt, als etwa der Umstand, fünf Jahre in einer Verpackungsfirma gearbeitet zu haben.
  Aber zu Ihrer Frage: Die Literatur stellte zunächst ein Gegengewicht zur eher abstrakten und hermetischen Wirkung meiner damaligen Objekte und Installationen dar. Ich wollte einen konkreteren Bezug zu den Dingen entwickeln, und seien es die Dinge, die allein in einem Schädel stecken. Die Literatur erschien mir diesbezüglich als das probatere Mittel, in etwa wie ein Hammer sich eher eignet, eine Mauer zu durchschlagen, als das fromme Gebet, die Mauer möge doch bitte von selbst einstürzen.

  Neigten Sie schon in Ihren ersten Schreibversuchen zur Satire oder entwickelte sich dieser charakteristische Zug erst mit der Zeit?

  Der satirische Bezug war mir von Anfang an selbstverständlich. Ich hätte mir das anders gar nicht vorstellen können, obgleich ich meine Arbeit nicht explizit als Satire bezeichnen möchte. Der satirische Aspekt ergibt sich notwendigerweise aus der Betrachtung realer Zustände. Man kann über selbige lachen oder weinen. Ich lache halt lieber. Zudem halte ich viel vom Begriff der "Übertreibung", welche mittels Beschleunigung eine Umrundung vollzieht und gewissermaßen von hinten auf die realen Zustände auffährt. Wie ein Projektil, das einmal um die Erde fliegt und sodann im Rücken des Schützen einschlägt.

  Haben bestimmte literarische Vorbilder Ihre Vorliebe für satirische Krimis hervorgerufen oder beeinflusst?

  Sehr unterschiedliche. Chandler genauso wie Thomas Bernhard. Aber auch Heimito von Doderer, Musil und die üblichen Verdächtigen aus der Schweiz. In der letzten Zeit ist für mich die Philosophie Wittgensteins sehr bedeutsam geworden, vor allem der "Tractatus". Auch Robert Burton mit seiner "Anatomie der Melancholie". Das sind meine Vademekums. Bücher fürs Gebirge. Wenn man in Not gerät.


  Sie stellen Wien und seine typischen Persönlichkeiten eher kritischer dar als Stuttgart. Ist es Sympathie, Antipathie oder trifft aus Ihrer Sicht man hierzulande das absurd-alltägliche nur häufiger an?

  Stuttgart ist anders. Also gehe ich auch anders an die Sache heran. Nicht, daß die Stuttgarter liebenswerter wären. Das wäre fast eine Beleidigung. Die Stuttgarter wollen alles, nur nicht als liebenswert gelten. Die Wiener hingegen wollen das. So böse können sie gar nicht sein, daß sie nicht einen Kult um ihre angebliche Herzlichkeit treiben. Die Stuttgarter hingegen treiben eher einen Kult um ihre Unfreundlichkeit und ihre Launen. Sie sind stolz darauf, unbeliebt zu sein. Vielleicht hat mich das ein wenig für sie eingenommen.
  Möglicherweise aber ist alles eine Frage des eigenen Alters. Meine Bissigkeit hat sicher abgenommen. Stilistische Fragen sind mir wichtiger geworden. Die Frage nach der Stimmigkeit und Originalität von Bildern und Vergleichen. Die Charakterisierung der Figuren. Menschen, Tiere, Architekturen. Der Bezug zur Tagespolitik ist nur mehr zweitrangig.

  Ihre Krimis haben immer recht komplexe Handlungsstränge mit ebensolcher Auflösung, in "To(r)tengräber" bieten sie sogar gleich mehre an. Konstruieren Sie Ihre Romane sehr streng durch oder passiert viel erst während des Schreibens?

  Ich beginne mit einer Ausgangsidee, einem Fundament, ohne das Haus zu kennen, das ich darauf errichten werde. Die Geschichte besitzt stets eine Eigendynamik, sie entwickelt sich. Ähnliches gilt für die Figuren, die nicht selten - auch gegen meinen Willen - im Laufe der Geschichte sich verändern, eine Bedeutung und Rolle übernehmen, die ihnen ursprünglich nicht zugedacht war. Überhaupt wäre zu sagen, daß wenn jemand sich mit meinen Plots und deren "Komplexität" schwer tut, er sich eigentlich an meine Figuren zu wenden hätte.
  Ich selbst halte mich ich in erster Linie verantwortlich für die Qualität der Sprache.

  Ihr Privatdetektiv Cheng ist als chinesischstämmiger, gebürtiger Wiener eine nicht gerade alltägliche Figur. Fast könnte man auf den Gedanken kommen, Ihre Erfahrungen als Wiener in Stuttgart standen Pate. Jetzt ist er bereits zum zweiten Mal die Hauptfigur in einem Ihrer Romane. Wird Cheng der Polt oder Brenner von Steinfest oder bleibt er Gelegenheitsdarsteller?

  Ich arbeite gerade an einem dritten Cheng-Roman, wobei ich davor schon zwei Nicht-Cheng-Bücher abgeschlossen habe. Der dritte Cheng wird auch der letzte sein und an den ersten anschließen. Rückkehr nach Wien. Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Wehmut, aber auch Gelassenheit.
  Nein, Markus Cheng ist bloß jener meiner Helden, dem ich mich etwas intensiver verpflichtet fühle. Er hat sich gut entwickelt. Vom absoluten Unglücksraben zu einem eleganten, interessanten, in seiner Einarmigkeit souveränen Menschen. Das gehört belohnt.

  Bei Ihrem Roman "Cheng" gab es juristische Probleme, weil sich jemand auf den Schlips getreten fühlte. Was passierte da genau aus Ihrer Sicht?

  Ich darf da natürlich keine Namen nennen. Aber beleidigte Leberwürste gibt es immer. Das Eigentliche der Leberwurst besteht darin, sich über Gebühr wichtig zu nehmen.
  Aber zur Sache: Es stellt eines meiner Arbeitsprinzipien dar, Fiktives und Reales zu verquicken, indem ich etwa bekannte Architekturobjekte wie den Stuttgarter Fernsehturm präzise und originalgetreu beschreibe, dann aber um eine "passende" Fiktion bereichere (die Spatzen im Inneren des Turmschachts). In früheren Büchern habe ich dieses Prinzip auch gerne auf Figuren angewandt, was zu einer Symbiose wirklicher Personen mit erfundenen Handlungen und Ereignissen führte. Das ist ein Kunstgriff, den man mögen kann oder nicht.
  Jenem Menschen, der sich bei "Cheng" wiedererkannt hat und sehr beleidigt gewesen war, hatte ich eine nur sehr kurze Passage gewidmet, die ihren Sinn allein aus der Namensähnlichkeit mit Chengs Hund bezieht. Der satirische Gehalt ist überdeutlich.
Mehr als eine kurze Passage hätte dieser Mensch auch gar nicht verdient gehabt. Daß diese Stelle dann aus dem Buch genommen werden mußte, war auf Grund einiger origineller Bilder schade, für die Story aber unbedeutend. Zudem habe ich mich - und gestehe es mit Schande - auf einen Vergleich eingelassen. Was ich heute keinesfalls mehr tun würde.
  (Übrigens habe ich statt der gestrichenen Textpassage ein Zitat Oscar Wildes eingesetzt: "In früheren Zeiten hatten wir die Folter. Jetzt haben wir die Presse.")


  Waren private oder berufliche Gründe für Ihren Umzug nach Stuttgart verantwortlich?

  Rein private.
  Und jetzt sitze ich also in Stuttgart und habe mich daran gewöhnt. Hauptsache nicht Berlin oder Paris oder New York. Ich bin schließlich keine Boutique.

  Die unvermeidliche Frage zum Schluss: Welches Buch dürfen die Leser als nächstes von Ihnen erwarten?

  Im November wird - wieder bei Piper - mein neuer Roman erscheinen. Nervöse Fische. Die Geschichte spielt diesmal wieder in Wien. Und in Zwettl. Und irgendwo dazwischen. Und wie der Titel schon verspricht, es wird erneut ein Tierbuch sein.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

Von Alfred Ohswald am 15. 4. 2004

 

Heinrich Steinfest
Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte

Heinrich Steinfest
Ein sturer Hund

Heinrich Steinfest
Cheng

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Der Nachmittag des Pornographen

Heinrich Steinfest
To(r)tengräber

Heinrich Steinfest
Nervöse Fische

Heinrich Steinfest
Der Umfang der Hölle

Heinrich Steinfest
Das Ein-Mann-Komplott

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Der Mann, der den Flug der Kugel kreuzte

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