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Walter Sohler

  Walter Sohler wurde 1967 in Kitzbühel geboren, studierte Geschichte und arbeitete dann als Journalist. „Mordalpen“ ist sein erster Roman.

  Möglicherweise habe ich es überlesen, aber ich habe nicht mitbekommen, wo Ihr Krimi „Mordalpen“ genau in den Alpen spielt. Tirol liegt nahe, aber ist es möglicherweise Südtirol oder haben Sie diesen Punkt bewusst offen gelassen?

  Ja, genauso ist es. Die Satire spielt ja ein paar Jahre in der Zukunft. Basierend auf der Annahme, dass die noch nicht durchtauchte Wirtschaftskrise katastrophalere Auswirkungen hatte als in der Realität, hat sich Europa verändert. Nationalstaaten gibt es nicht mehr. Die EU ist nicht, wie es manche so gerne herbeiprophezeien, auseinander gefallen, sondern zusammengerückt. Das inzwischen vereinte Europa wurde verwaltungstechnisch in Regionen eingeteilt. Eine davon umfasst das Gebiet der Alpen. Diese Geschichte spielt in diesem neuen, gerade erst errichteten „Alpenstaat“. Wenn Sie so wollen, die Endausbaustufe des heutigen Modells des „Europa der Regionen“. Bezüge zur Gegenwart, bzw. zur Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, gibt es immer wieder. Nicht nur zur Wirtschaftskrise oder zur Costa Concordia.
  Der Handlungsschauplatz des Romans liegt irgendwo in den Alpen. Ich habe bewusst Elemente unterschiedlicher Gebiete der Alpen zusammengewürfelt. Unterschiedliche Namen, Sprachen, Traditionen und Geschichten. Die Region der Alpen ist zwar heute auf viele Nationalstaaten aufgeteilt, die sozioökonomischen Schwierigkeiten oder Umweltprobleme sind aber zwischen Albertville und Saalbach ziemlich ähnlich. Jede Region muss den richten Weg zwischen wirtschaftlicher Basis rund um Tourismus oder Landwirtschaft und der Sicherung des Lebensraumes finden und mit Problemen wie zum Beispiel Umweltzerstörung, Klimaveränderung, Massentourismus oder aber auch Abwanderung fertig werden. Gesucht ist der richtige Weg zwischen Tradition und Moderne. Trotz der unterschiedlichen Sprachen und regionalen Eigenheiten blicken außerdem einige Regionen auch auf einen gemeinsamen Abschnitt in der Geschichte zurück.
  Tatsächlich ist nicht genau klar, wo genau die Geschichte rund um Giovanni spielt, wo das Dorf oder diese neue Hauptstadt liegen. Manche Leser haben angeblich Bozen erkannt, einige Innsbruck oder Trient, auch Grenoble wurde genannt. Die einzigen im Buch namentlich erwähnten Orte liegen außerhalb der Alpen. Mailand zum Beispiel oder Brüssel natürlich. Die Orte in dieser satirischen Krimihandlung entstehen in der Vorstellung der Leser. Mich haben schon einige gefragt, wo dieser oder jener Schauplatz genau liegt. Sie glauben nämlich, bestimmte Dinge entdeckt zu haben. Ein Wirtshaus, die Kirche oder die Alm. Schon ein paar Mal wurde mir erklärt, wo genau dieses Plumpsklo mit der tollen Aussicht steht. Das kann schon sein. Ich weiß natürlich auch, wo das Toiletten-Exemplar steht, das ich als Vorbild für die Geschichte verwendet habe, und auf welche Gebirgskette man von dort schaut. Die Erschaffung dieser Alpenwelt hat beim Schreiben sehr viel Spaß gemacht – und anscheinend macht auch einigen Lesern die Enträtselung Freude. Manche glauben wohl, Teile ihrer Umgebung oder ihres letzten Urlaubsortes in der Erzählung aufzuspüren.

  Ihr Erzählstil erinnert manchmal punktuell an Wolf Haas. Bewusst oder unbewusst?

  Glaub ich nicht, unbewusst. Vielleicht weil satirische Elemente einen großen Platz einnehmen und manchmal wichtiger sind als die Krimihandlung.

  Was lesen Sie selbst gerne und welches sind Ihre literarischen Vorbilder, so es welche gibt?

  Vorbilder habe ich eigentlich nicht. Ich lese generell viel und liebe es, zu entdecken. Egal ob zeitgenössische Literatur oder Klassiker. Schwarzen Humor mag ich, Schräges.
  Natürlich lese ich sehr gerne Krimis. Für mich ist der absolute Meister dieses Faches George Simenon. Unglaublich, dieser Schatz an guten Geschichten und wunderbaren Charakteren. Die Dürrenmatt-Krimis sind exzellent, natürlich auch Glauser. Spionagethriller hab ich gern. Nicht zu vergessen die Welt von Graham Greene, das ist einfach phantastisch! Es zahlt sich außerdem immer wieder aus, Klassiker neu zu entdecken. Gerade habe ich Emile Zolas „Thérèse Raquin“ gelesen? Kennen Sie das Buch? Sie werden staunen!

  Sind Sie persönlich auch begeisterter Hörer klassischer Musik, wie Ihr Held Giovanni?

  Ja, und wie. Vor allem die Oper hat es mir angetan. Ähnlich wie das Erschreiben der alpinen Handlungswelt hat auch der Bau dieses musikalischen Gerüsts großen Spaß gemacht. Angefangen bei den Kühen und ihrem Bauern über die Quasi-Hintergrundmusik einzelner Szenen bis zur versteckten – wenn Sie so wollen – musikalischen Zitaten. Zum Teil lief während des Schreibens die entsprechende Musik auch im Hintergrund. Manchmal ist mir auch nach einem Besuch in der Oper etwas eingefallen.

  Entstammen ihre Kenntnisse über das alpine Landleben eigener Erfahrung, aus Ihrem Bekanntenkreis oder Recherche?

  Wenn man in den Bergen aufwächst, bekommt man zwangsweise einiges mit. Man lebt Tür an Tür. Natürlich habe ich als Kind beim Bauern die Milch geholt, mit Schulfreunden rund um Ställe und Heuschober gespielt. Eine faszinierende Welt. Später dann entdeckt man das Wandern ... Man geht an Bauernhöfen vorbei, wird von nicht angeleinten Hunden attackiert, und man muss sich mit scheinbar rücksichtslosen Kühen einen schmalen Weg an einem Abhang teilen. Dann und wann plaudert man dann mit Sennern, oder man kommt mit aufgeschlossenen Landwirten ins Gespräch und riskiert den Blick in diese neuen Hightech-Ställe. Aus den Ställen hört man übrigens auch in Wirklichkeit immer wieder Musik. Mozart war da manches Mal dabei, meistens aber ist es das aktuelle Radioprogramm. Die Bandbreite ist groß. Von den Oberkrainern bis Miles Davis würd‘ ich sagen. Eine ähnliche Mitfahrgelegenheit, wie sie der Pfarrer meines Romans ergattert, ist mir übrigens selbst vor ein paar Jahren während einer Wanderung angeboten worden. Auch ich musste während der Fahrt auf knapp 2000 Meter nach den Schafen Ausschau halten.


  Läge bei ihrem Studium nicht auch ein historischer Krimi nach?

  Vielleicht? Als Ausgleich sozusagen, nachdem ich jetzt ein bisschen mit der Zukunft gespielt habe … Mord und Todschlag haben ja leider in allen Zeiten Saison.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg bei Ihren künftigen Projekten!

  Ich habe zu danken.

Von Alfred Ohswald am 14. 2. 2015