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Interview mit Petra Ramsauer



(c) Katharina Stegmüller/NEWS

  Die 1969 geborene Petra Ramsauer studierte Politikwissenschaften. Seit 1991 arbeitet sie als Journalistin, und seit bald zwei Jahrzehnten berichtet die Krisenberichterstatterin für renommierte Medien vor allem aus Ländern des Nahen Osten. 2013 erhielt sie den Concordia Preis für Menschenrechte.
  Bisher veröffentlichte sie die Bücher, „So wird Hunger gemacht“ (2009), „Mit Allah an die Macht“ (2012) „Muslimbrüder“ (2014) und „Die Dschihad-Generation

  Wenn ein beträchtlicher Teil der aus dem Westen stammenden IS-Kämpfer zu einer Art Popkultur zählen, muss man auf Grund der zeitgeschichtlichen Erfahrungen nicht damit rechnen, sie nie annähernd komplett davon abhalten zu können?

  Die Kämpfer sind Ikonen einer Pop-Kultur, aber nicht zwingend Teil dieses Jugendkultus. Wir haben es somit mit zwei Phänomenen zu tun, die zwar viel miteinander zu tun haben, aber nicht zwingend das Gleiche sind. Wie bereits im Konflikt in Afghanistan in den 1980-er Jahren, später in Bosnien und im Irak, rekrutieren Milizen mit islamistischen Hintergrund auch jetzt im Syrien-Konflikt ausländische Freiwillige. Noch nie gab es allerdings so viele wie jetzt und einzigartig ist die Selbstdarstellung dieser Gruppe. Sie führt dazu, dass sich um den Islamischen Staat eine Jugendkultur etablierte, die an eine Gegenwelt glaubt, die im Internet entworfen wird. Dabei soll der „Islamische Staat“ ein Gegenentwurf des Westens sein. Viele sympathisieren mit der Ideologie, schließen sich der Gruppe an, weil sie darin eine Form des Protestes erkennen, einen Bruch mit den Normen. Hintergrund ist, dass viele IS-Fans in Europa dies als Ausdruck einer Entfremdung, der Persepktivenlosigkeit tun. Setzt man im Kampf gegen die Radikalisierung hier an, bieten sich sehr wohl Chancen, das Phänomen einzudämmen.

  Welche aktuelle Rolle spielen eigentlich die Muslimbrüder in Zusammenhang mit dem IS?

  Keine. Die Gruppen haben eigentlich nichts bis sehr wenig miteinander zu tun. Dazu ist es schwierig von „der“ Muslimbruderschaft zu sprechen. Die Entwicklung dieser Gruppe ist regional sehr unterschiedlich verlaufen. Mitunter ist es, dass etwas was die palästinensische Hamas-Bewegung betrifft, die auch zu den Muslimbruderschaften zählt, zu beobachten, dass extremistische Bewegungen, die zum IS gehören, versuchen ihnen den Rang abzulaufen.

  Ist nicht die größere Gefahr bei den Flüchtlingen der Frust und die enttäusche Hoffnung, über die Lebensumstände für sie in Deutschland und weniger eingeschleuste IS-Terroristen?

  Es gibt derzeit keinen Anhaltspunkt, dass irgendeine Gefahr besteht, dass IS-Terroristen gezielt versuchen, mit Flüchtlingen nach Europa kommen. Deshalb möchte ich auch nicht von einer größeren Gefahr sprechen. Die eigentliche Bedrohung des „Islamischen Staates“ für Europa besteht darin, dass Sympathisanten, die hier leben und auch hier geboren wurden, zu Angriffen aufgerufen werden. In weiterer Folge wird es mit Sicherheit nötig sein, den hier ankommenden Flüchtlingen Perspektiven auf ein neues Leben zu bieten.

  Ist der IS nicht im Gegensatz zu Al-Qaida & Co. in erster Linie daran interessiert, Kämpfer in Syrien und Irak aus Europa & Co. zu rekrutieren und weniger Terroranschläge hier zu organisieren?

  Die Terrormiliz des „Islamischen Staates“ unterscheidet sich von der al-Kaida maßgeblich darin, dass sie auf globaler Ebene einen „führerlosen Terror-Krieg“ plant. Das heißt: keine Kommandostrukturen, nur Propaganda-Videos im Netz sollen Sympathisanten zu Anschlägen motivieren. Dabei soll eine allgegenwärtige Drohkulisse aufgebaut werden. Dazu propagiert der IS massiv den Aufbau eines islamischen Staates, der sich angeblich weit über die jetzigen Grenzen hinaus ausdehnen soll. Die Rekrutierung von Kämpfern ist für den IS wichtig, da sie loyale Soldaten sind.


  Spielt das Schüren der Angst vor IS-Maulwürfen unter den Flüchtlingen durch rechtspopulistische Parteien nicht gerade dem IS in die Karten?

  In gewisser Weise ist es für den IS opportun, wenn ihre Propaganda unreflektiert verbreitet wird. Es gab aber nur eine einzige Meldung, die stammt aus dem Jänner 2015, in dem der IS mit Terroristen unter den Flüchtlingen droht. Damals gab es keine Bewegung, die man mit der heutigen vergleichen könnte. Ziel des IS ist es, wie gesagt, eine Drohkulisse aufzubauen, ihre Bedeutung durch Propaganda zu verstärken. Wer da freiwillig mithilft, muss sich dessen bewusst sein.

Von Alfred Ohswald am 21.10.2015