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Interview mit Rudolf Taschner


Rudolf Taschner
(c) Oliver Indra

   Rudolf Taschner studierte Mathematik und Physik Wien und arbeitet dort im Institut für Analysis und Scientific Computing. Sein Projekt math.space und zahlreiche populärwissenschaftliche Veröffentlichungen wie zuletzt „Rechnen mit Gott und der Welt“ sollen für mehr Popularität der Mathematik in der Öffentlichkeit sorgen. Für dieses Engagement erhielt er 2004 die Auszeichnung „Wissenschaftler des Jahres“.


  Könnte man die Frage nach Gerechtigkeit und Gesetz nicht auch recht vereinfacht beantworten?   „Gerechtigkeit“ ist das von der Evolution gegebene Gefühl, dass auch Tiere auf ihre ganz eigene Art kennen, „Gesetz“ ist das Regelwerk von Zivilisationen, um das Zusammenleben einer größeren Anzahl von Menschen zu ermöglichen?

  Der hier gegebenen Definition von „Gesetz“ kann ich mich anschließen, nicht aber derjenigen von „Gerechtigkeit“. Denn erstens ist Gerechtigkeit kein Gefühl, sondern eine Tugend. Zweitens ist nicht zu erkennen, wie Tiere „auf ihre ganz eigene Art“ gerecht sind. Sie sind es sicher nicht, denn wären sie es, wären sie keine Tiere, sondern Menschen. Und drittens sind mir Erklärungsmuster mit Hilfe der Evolution immer suspekt, weil damit die Einzigartigkeit des Menschen auf ein scheinbar naturwissenschaftliches Muster reduziert wird.

  In den Wirtschaftswissenschaften dominiert zur Zeit die sich auf Adam Smith, Friedrich Hayek und andere Vertreter der liberalen Richtung der Marktwirtschaft berufende Meinung, dass Eigennutz im Ergebnis der gesamten Gesellschaft nützen würde.
  Die Verhaltensforscher hingegen zeigen, dass es sich dabei um das natürliche Verhalten von Schimpansen handelt, die nicht dazu in der Lage sind, sich ohne Eigennutz gegenseitig zu helfen. Menschen hingegen helfen sich schon als Kleinkinder ohne Eigennutz in entsprechenden Experimenten.
  Da liegt doch der Gedanke nahe, dass Menschen weitgehend unbewusst zumindest auch etwas zu dem erfolgsträchtigen, egoistischen Verhalten erzogen werden?

  Leider bin ich zu wenig Experte, um diese Frage – wenn ich sie überhaupt richtig verstehe – kompetent beantworten zu können.

  Erreicht in der Demokratie nicht der übliche Kampf der verschiedenen Interessengruppen um Ressourcen ein gewisses Mindestmaß an Gerechtigkeit? Natürlich können einfußreiche und mit mehr finanziellen Mitteln ausgestattete Gruppen für ihre Ziele viel wirkungsvoller in der Öffentlichkeit werben. Aber das wird ja wohl kaum zu verhindern sein?

  Warum soll gerade in der Demokratie der Kampf von Interessensgruppen ein Mindestmaß an Gerechtigkeit gewährleisten? Demokratie ist lediglich ein formales Verfahren mit dem Ziel, möglichst gewaltfrei durch ein Votum des „demos“ – wer immer das sein mag – nach vorgegebenen Regeln – wie willkürlich diese auch lauten mögen - die Übertragung von Staatsmacht an bestimmte Personen zu fixieren. Von der Demokratie zu erwarten, dass bestimmte Tugenden wie Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit oder Gerechtigkeit gefördert würden, ist allzu naiv.

  Wenn man die gewaltigen Summen betrachtet, die Bank- und Staatenrettungen in den letzten Jahren verschlungen haben betrachtet, gewinnt man doch schnell den Eindruck, dass Geldmangel nicht das Problem zu sein scheint?

  Jeder souveräne Staat kann sich „Geldmangel“ durch Inflation vom Hals schaffen, mit anderen Worten: er braucht nur Geldscheine wie Konfetti zu drucken. Insofern ist „Geldmangel“ nie ein Problem. Das eigentliche Problem besteht darin, Geld sinnvoll auszugeben, nämlich so, dass dadurch „Werte“ geschaffen werden, die eine Vermehrung des Geldes rechtfertigen.

  Das von Ihnen gezeigte Beispiel zeigt auf sehr eindrucksvolle Art das Problem, dass durch eine immer älter werdende Gesellschaft auf uns zukommt. Aber sollte nicht die enorme Produktivitätssteigerung durch die zunehmende Automatisierung der Produktion eine theoretische Lösung für dieses Problem bieten? Wenn kein Berufstätiger mehrere nicht mehr oder noch nicht Berufstätige erhalten kann, warum nicht eine Maschine, wenn sie auch sonst bereits die Wertschöpfung mehrerer Menschen erledigt?

  Genau dieser Auffassung war in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts der deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm mit seiner These „Die Rente ist sicher“. Das damit einhergehende Problem besteht jedoch darin, dass durch die von Ihnen beschriebene unumschränkte Delegation von Arbeit an Maschinen der Begriff „Arbeit“ selbst, der bisher mit Schaffung von Werten einhergeht, einen tiefgreifenden Wandel erführe: Von Menschen geleistete Arbeit ist wertvoll und daher mit der Auszahlung angemessener Löhne verbunden. Von Maschinen geleistete Arbeit wird zugleich als Arbeit der „hinter diesen Maschinen tätigen“ Menschen betrachtet, ist daher auch in diesem Fall mit einer Entlohnung dieser Menschen verbunden. Was aber geschieht, wenn Maschinen Arbeit verrichten, und man keinen „hinter diesen Maschinen tätigen“ Menschen mehr ausfindig machen kann? Kann man dies noch als „wertvolle“ Arbeit klassifizieren? Und wie wird dieser Wert an wen entgolten? Erleben wir dann das Schlaraffenland? Dies ist doch sehr zu bezweifeln …

  Ist das von ihnen ausgiebig gewürdigte Wort „nachhaltig“ nicht eine ähnlich leere und darum umso beliebtere Politikerfloskel, wie auch das völlig sinnfreie „Strukturwandel“ (welche Struktur wie geändert werden soll, wird kaum dazugesagt)?
Auch die in jeder Sonntagsrede von deutschen Politikern erwähnten, notwendigen Investitionen in Bildung fallen scheinbar in diese Kategorie? Warum sonst wären Österreichs Universitäten voll mit Studenten aus unserem nördlichen Nachbarland?

  „Nachhaltig“ ist tatsächlich in aller Munde. Und was in aller Munde war, will schließlich niemand mehr schlucken. In diesem Sinn wurd das Wort „nachhaltig“ von allzu vielen missbraucht. Wenn große Krisen auf uns zukommen – und es ist zu befürchten, dass wir nicht davor verschont bleiben -, wird niemand mehr floskelhaft von Nachhaltigkeit (oder von Strukturwandel) sprechen.

  Würde jemand einen unbegrenzten Zugriff auf staatliche Unterstützungen von Sozialhilfeempfängern vorschlagen, würde man ihn zurecht der Dummheit bezichtigen. Wie können dann aber hochintelligente Menschen wie der Philosoph Peter Sloterdijk und einige Wirtschaftswissenschaftler mit dem Vorschlag einer mehr oder weniger freiwilligen Steuer der Wohlhabenden angesichts der nicht zu übersehenden, abschreckenden Beispiele von Griechenland, Kalifornien & Co. eine ernsthafte Diskussion auslösen?

  Im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit fühlen manche, dass die Waagschale in vielen europäischen Staaten eher zugunsten der Sicherheit, d.h. der ökonomischen Absicherung möglichst aller, auf Kosten der Freiheit des einzelnen Individuums ausschlägt. Darum die Idee, es – von einer moderaten Flat Tax abgesehen - dem Gutdünken der Einzelnen zu überlassen, wie viel sie freiwillig dem Gemeinwesen als Beitrag spenden. Der behauptete Vorteil: der Einzelne fühlt sich in seiner Souveränität und seiner Verantwortung dem Staate gegenüber gestärkt. Was dabei übersehen wird, ist das Gefühl der Empfänger dieser Zuwendungen: Dass Almosenbrot immer ein bitteres Brot war, ist und bleiben wird.

  Wie kann es langfristig funktionieren, dass eine vielfaches des Wertes der gesamten Welt an Geld im Umlauf ist?

  Woher kennen Sie den „Wert der gesamten Welt“?
Selbst wenn man nur das Leben eines einzigen Menschen versichern möchte, kann man die Versicherungssumme theoretisch beliebig hoch festsetzen. Denn der Wert eines Menschenlebens – und sei es das eines vielleicht morgen schon verstorbenen Greises – ist nicht objektiv mit Geld aufzuwiegen.
  Joseph von Sonnenfels war ein österreichischer Vertreter des Physiokratismus, wonach ein Geldschein zugleich das Versprechen beinhaltet, damit ein entsprechendes Stück Land des Staates, von dem dieser Geldschein stammt, einlösen zu können. In diesem Sinn haben Sie recht: Es gibt weitaus mehr Geld im Umlauf als es Grundstücke auf der Erde gibt, die man mit diesem Geld erwerben könnte. Aber Joseph von Sonnenfels war noch ein Ökonom aus Maria Theresias Zeit, und seither hat der Begriff „Geld“ einen tiefgreifenden Wandel erfahren. Zwar ist mit Geld immer noch ein Versprechen verbunden. Doch ist dieses Versprechen nicht mehr notwendig mit der Einlösung von Land gekoppelt, sondern es handelt sich vielmehr um ein Versprechen für die Zukunft. Und der „Wert der Zukunft“ kennt theoretisch keine oberen Grenzen. Es kann nur – und es muss sogar von Zeit zu Zeit – zu gigantisch leeren Versprechen für eine Zukunft kommen, die sich als Luftschloss entpuppt: So entstehen die Blasen der Wirtschaft. Wenn diese allzu riesig ausfallen, bleibt nur mehr der Ausweg einer Währungsreform …

  Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

Von Alfred Ohswald am 19. 7. 2011

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