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Interview mit Oliver Pötzsch


© Frank Bauer / www.frankbauer.com

  Oliver Pötzsch ist 1970 in München geboren, besuchte die Deutsche Journalistenschule und arbeitete dann beim Bayrischen Rundfunk im Bereich Radio und später als Reporter im Ausland und für die wöchentliche Sendung „Quer“.
  Als er bei Nachforschungen über seine Familiengeschichte herausfand, dass er Nachfahre einer Henkersfamilie war, beschloss er Romane zum Thema zu schreiben. Es wurden sieben Bücher und es folgten noch zahlreiche weitere. Darunter „Die Ludwig-Verschwörung“, „Die Burg der Könige“, das Kinderbuch „Ritter Kuno Kettenstrumpf“ und das Jugendbuch „Die Schwarzen Musketiere - Das Buch der Nacht“ und schließlich „Der Spielmann“, dem 2019 die Fortsetzung „Der Lehrmeister“ folgen sollte.

 

  Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Familiengeschichte zu erforschen und wie sind sie auf die heute vielleicht etwas fragwürdigen Vorfahren gestoßen?

  Dass ich aus einer Henkersfamilie stamme, weiß ich schon seit meiner Kindheit. Das war immer ein Thema bei uns, wenn meine Großmutter da auch etwas distanzierter war. Sie ist selbst als Kind noch als Henkerstochter verspottet worden, und da war der letzte Henker in unserer Familie schon über hundert Jahre tot! Der mittlerweile verstorbene Cousin meiner Großmutter war der Ahnenforscher in unserer Familie, von ihm habe ich auch die meisten Unterlagen. Als er meine Eltern vor über zehn Jahren mal besuchte und all diese Stammbäume, Gemälde, Zeitungsartikel etc. mitbrachte, wusste ich: Das wird mein erster Roman! Mittlerweile ist aus meiner Familiengeschichte eine international erfolgreiche Serie geworden. Das hätte ich mir nie träumen lassen!

  Gab es einen Anlaß oder bestimmten Grund, sich „Faust“ als historisches Vorbild für Ihre zwei aktuellen Romane auszuwählen?

  Ich bin seit meiner Jugend Faust-Fan, das lag wohl an meinem guten Deutsch-Lehrer! Ich habe dann später etliche Passagen aus Goethes Faust auswendig gelernt, damit quäle ich heute noch meine Familie …Faust ist ja keine Erfindung von Goethe, sondern eine historische Figur, die wirklich gelebt hat! Dass über diesen sagenhaften Quacksalber, Astrologen und Alchimisten noch keiner einen historischen Roman geschrieben hat, hat mich ehrlich gesagt gewundert. Immerhin ist er einer der bekanntesten deutschen Figuren!

  Inwiefern hat Ihr Faust etwas mit Goethes Faust zu tun? Insbesondere, da Sie ja gleich zwei Gretchen auftreten lassen...

  Mein Faust ist eine Mischung aus den wenigen historischen Quellen, meiner Fantasie und, ja, auch Goethes Faust. Es hat mir großen Spaß gemacht, gewisse Figuren, Zitate und auch Szenen von Goethe verfremdet zu übernehmen. So zum Beispiel die Szene auf dem Blocksberg, die bei mir ein übler Drogenrausch im Wald ist - aber eben auch das Gretchen. Wobei Goethe in diesem Fall ja auch auf eine echte Person zurückgegriffen hat: Die verurteilte Kindsmörderin Susanne Margarethe Brandt, bei deren Prozess in Frankfurt er als Anwalt zugegen war.

  Dachten Sie schon einmal daran, das Genre (zumindest vorübergehend) komplett zu wechseln?

  Mit der „Ludwig-Verschwörung“ habe ich ja schon mal einen historischen Thriller geschrieben, der zu großen Teilen in der Gegenwart spielt. Eine wilde Rätselsuche a la Dan Brown auf der Suche nach den Hintergründen des Todes des bayerischen Märchenkönigs. Ich denke, die Story gibt das Genre vor. Lassen Sie sich überraschen, was da noch von mir kommt!

  Hat die Freude am Recherchieren etwas mit Ihrer Vorliebe für das historische Genre zu tun?

  Mein Motto lautet: Geschichte schreibt die besten Geschichten. Das können Sie gar nicht erfinden, was auf dieser Welt alles schon passiert ist! Ich bediene mich da aus einem unterhaltsamen, lehrreichen und gelegentlich auch bizarren Fundus. Googlen Sie mal den Erfurter Latrinensturz, dann wissen Sie, was ich meine …

 Haben Sie bestimmte, literarische Vorbilder oder welche Lektüre bevorzugen Sie?

  Ich lese querbeet, Sachbücher, Thriller, Unterhaltungsromane, Biographien … Ich hatte als Jugendlicher durchaus Vorbilder. Mittlerweile vermeide ich das, weil ich niemanden kopieren will. Das passiert zwangsläufig, wenn Sie sich zu sehr mit einem Autor befassen. Oliver Pötzsch schreibt eben wie Oliver Pötzsch.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg für künftige Projekte!


Von Alfred Ohswald am 8. 4. 2019