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Interview mit Heinz Marecek zu seinem Buch "Das ist ein Theater"


Heinz Marecek

  Herr Marecek lassen Sie uns mit Ihren Zeilen "Und für meine Mutter, die immer dafür sorgte, dass genug zum Lachen im Haus war" beginnen. Ist Ihre Mutter in irgend einer Weise daran "schuld", dass Sie Schauspieler wurden?

  Schuld insofern, als sie nach jedem "Simpl" Besuch tagelang beim Abendessen versuchte, sich an die Pointen zu erinnern, und so herzlich darüber gelacht hat, dass vielleicht schon damals in mir die Idee keimte: "Es muss schön sein, einen Beruf zu haben, der Leute so zum Lachen bringt, der ihnen so viel Vergnügen bereitet".

  Wie sehr hatte Ihr Elternhaus generell Einfluss auf Ihrem Weg zur oder in die Schauspielerei?

  Einen sehr großen - indem sie nicht den geringsten Versuch machten, diesen Weg zu verhindern!

  Sie zählen zu den bekanntesten österreichischen Schauspielern und Regisseuren (Charlys Tante, Pension Schöller, Die Nachbarn) und sind nach der "Lieben Familie" und dem "Bockerer 1 und 2" auch wieder verstärkt im Fernsehen präsent, ich denke da nur an "Die Neue" und aktuell in "Soko Kitzbühel". Trotzdem wirken Sie sehr bescheiden und bodenständig. Schreiben Sie diesen Umstand in erster Linie Ihrem Wesen zu oder auch der Tatsache, dass Sie - wie Sie im Buch beschreiben - in eher bescheidenen Verhältnissen aufwuchsen.

  Mich hat am Theater immer nur der Mensch interessiert. Mit seinen Nöten, seinen Sorgen, seinen Ängsten, seinem Glück, seinem Leid, mit seinem ständigen Versuch, die Regeln dieses seltsamen Spiels "Leben" zu durchschauen. Als Schauspieler und als Regisseur.
  Private Attitüden halte ich für kindisch. Wie hat Reinhardt so wunderbar gesagt: "Der wahre Schauspieler ist nicht Versteller sondern Enthüller".

  Was hat Sie dazu bewogen gerade jetzt dieses Buch zu schreiben? Man darf annehmen, dass es Ihnen schon länger ein Bedürfnis war diese Leckerbissen an Sprüchen und Erlebnissen einem breiten Publikum zu eröffnen.

  Ich habe seit frühester Jugend eine Leidenschaft für Geschichten. Ich habe sie verschlungen. Die gelesenen, die erzählten - und die erlebten. Und - ich habe mir ungeheuer viele gemerkt.
  Da man aber nie weiß, wie lange sich das Gedächtnis als verlässlicher Verbündeter erweist, habe ich sie jetzt sicherheitshalber einmal niedergeschrieben.

  Hatten Sie einzelne Zitate, Dialoge oder Ereignisse damals schon niedergeschrieben, oder zauberten Sie das Buch aus Ihrem Gedächtnis?

  Noch aus dem Gedächtnis, aber - siehe oben!

  Der Name Marecek bürgt für Qualität und Humor. Und nicht nur, wer Sie je im Theater "live" gesehen hat, wird begeistert zustimmen. Da fällt mir eine geniale Inszenierung aus den Kammerspielen ein, wo Sie mit Erwin Steinhauer in "Was lachen Sie" mit Texten von Karl Farkas und Fritz Grünbaum auf der Bühne stehen. Hatten Sie mit diesem grandiosen Erfolg "Marecek-Steinhauer" gerechnet? Oder hatten Sie mitunter auch ein flaues Gefühl? In die Fußstapfen von Karl Farkas und Ernst Waldbrunn zu treten, ist ja nicht gerade einfach.

  Ich habe im Jahr 1988 zur Eröffnung der Festspiele Reichenau einen Farkas-Abend inszeniert. Bis zur letzten Sekunde war ich nicht sicher, ob das "Material" halten würde, oder ob es überwiegend auf diesen beiden großen Persönlichkeiten Farkas-Waldbrunn aufgebaut wäre. Wir hatten Glück. Das Material erwies sich als durchaus "transportfähig". Der Abend explodierte. Es war der Beginn einer wirklichen Farkas-Renaissance.

  Zurückkommend auf Ihren Partner Erwin Steinhauer fällt mir auf, dass Sie ihn im Buch nicht erwähnen. Ging bei dieser Inszenierung alles so glatt, dass es keinen Spruch oder Ausrutscher für ihr Werk gab?

  Interessanterweise gerät ja gerade die Arbeit am "komischen" Material bei den Proben in die Nähe der Arbeit von Gefäßchirurgen. Mit größter Präzision und Vorsicht wird gebastelt, ausprobiert, Pausen und Blicke genauestens festgelegt. Auch während der Vorstellungen wird das Material wie eine Mozart-Partitur behandelt. Man leistet sich keinen "Ausrutscher". Lachen sollen ja die unten - nicht wir oben.

  Man kennt Sie als Mann des feinen Humors, wortgewandt und fröhlich. Wie schwer war oder ist es für Sie, die verehrten und zum Teil auch geliebten Freunde und Kollegen, wie Franz Stoß, mit dem Sie ja auch jahrelang "Die liebe Familie" drehten, oder Alfred Böhm, Kurt Sowinetz und erst vor kurzem Kurt Heintel, um nur einige zu nennen, für immer gehen zu sehen?

  Sie sind nicht für immer gegangen. In meinem Hirn und in meinem Herzen gibt es sie ja noch - und durchaus lebendig.

  Stirbt mit jedem dieser großartigen Menschen auch ein Stück Theater?

  Natürlich. Darum bin ich auch ein so leidenschaftlicher Vertreter der "Fackelweitergabe"-Theorie. Das Theater beginnt doch nicht mit uns. Die Fackel hat lange vor uns wer entzündet. Wir dürfen sie ein kleines Stück tragen - und dann geben wir sie weiter.

  Ihr Buch zu lesen ist beinahe wie eine Zeitreise, die einen zwar am selben Ort verbleiben lässt, jedoch in eine Epoche versetzt, von der man nicht leicht wieder zurückkehrt oder zurückkehren möchte.
  Ich hatte die Freude und Ehre Friedrich Torberg, der bei uns in Breitenfurt - direkt neben Gerhard Bronner - ein kleines Haus bewohnte, kennen zu lernen und einige Male mit ihm zu sprechen.
  Herr Marecek, Sie hatten das Glück alle diese "Großen" des Theaters zu kennen und viele davon waren Freunde von Ihnen. Was empfinden Sie, wenn Sie von dieser "Zeitreise" wieder in die Gegenwart zurückkommen.

  Es gibt einen sehr klugen Satz von P. Ustinov: "Leben ist wie Autofahren - hin und wieder empfiehlt es sich, einen Blick in den Rückspiegel zu werfen".

  Hat sich die Schauspielerei und aber auch die Arbeit an Inszenierungen in diesen beinahe 40 Jahren verändert? Und wenn ja, wie?

  Ich habe versucht diese Veränderung - die meiner Meinung nach enorm ist - in meinem Buch zu beschreiben. Hier ist einfach nicht genug Platz. Bitte nachlesen!

  27 Jahre an einer Bühne lassen sich nicht so leicht wegwischen. Hatten Sie Angst Inventar oder schlichtweg nur Direktor des Josefstadtheaters zu werden, wenn Sie noch länger geblieben wären?

  Nein, Angst "Inventar" zu werden hatte ich nie - bei aller Bescheidenheit. Direktor wäre ich ganz gerne einmal geworden, davor hätte ich auch keine Angst gehabt. Es hatte nur die "Josefstadt" von der ich wegging schlicht und einfach nichts mehr mit der "Josefstadt" zu tun, an die ich seinerzeit ging. Sie war verwechselbarer geworden, austauschbar.
  Also habe ich sie ausgetauscht - gegen ein Leben in freier Wildbahn. Und ich muss ehrlich gestehen, dass die Freude an der neuen "Freiheit", eventuelle sentimentale Reminiszenzen bei weitem überwiegt.

  Arbeiten Sie an neuen Projekten? Kann ich Ihnen dazu irgendetwas entlocken?

  Die nächsten 1 1/2 Jahre sind mit Fernsehproduktionen in Deutschland und Österreich verplant. Zwischendurch immer wieder Tourneevorstellungen von "Was lachen Sie?" mit K. H. Hackl.

  Ich kann mir schon vorstellen, dass es sich in Bayern bzw. München auch gut leben lässt, muss Sie aber dennoch fragen, ob Sie denn nicht Wien, Österreich und im Besonderen auch das Burgenland zumindest als Weinliebhaber und Gourmet vermissen?

  Keine Angst, die Zeit zum "Äsen" und Trinken in Wien, im Burgenland, in der Wachau oder in der Südsteiermark finde ich immer. Ich würde fast sagen: "die spar ich mir vom Munde ab" . . .

  Haben Sie vor, für länger in Deutschland zu bleiben, oder gibt es schon Pläne wieder nach Österreich zurück zu kommen?

  Ich bleibe nirgends für länger. Ich bin dort, wo ich gerade drehe oder wo mich mein Tourneeplan hinführt. Ich führe ein Zirkusleben. Mit entsprechenden Telefonspesen. Und ich habe es sehr gerne so. Wie heißt es so schön im "Mann ohne Eigenschaften": "Die Überschätzung der Frage, wo man sich befindet, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken mußte".

  Ich hoffe, und bin sicher für sehr viele zu sprechen, Sie in Zukunft bald auch wieder auf Österreichs Bühnen zu sehen und/oder Ihre Inszenierungen zu genießen. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen für die Zukunft und für Ihre bevorstehenden Projekte alles Gute und darf mich für Ihre Bereitschaft zum Interview herzlichst bedanken.

Von Johann F. Janka am 5. 2. 2003

 

Heinz Marecek
Das ist ein Theater