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Interview mit Martin Schwarz

Martin Schwarz

  Martin Schwarz, geboren 1971, war nach dem Studium der Philosophie und Publizistik als Osteuropa- und Balkankorrespondent mehrerer deutscher Zeitungen und Magazine tätig, danach war er Wirtschaftsjournalist und Chefredakteur beim Österreichischen Industriemagazin.
  Heute lebt und arbeitet er als freier Journalist und Publizist in Wien und schreibt u.a. für die taz, die Berliner Zeitung, die Wochenzeitung Jungle World, den Freitag und die Netzeitung. Außerdem verfasst er politische Analysen für den Washingtoner Think Tank "Foreign Policy in Focus". Martin Schwarz ist Mitbegründer des Autoren-Netzwerks "Stories & Texte".
  Sein soeben erschienenes Buch "Saddams blutiges Erbe" schrieb er gemeinsam mit dem Journalisten Heinz Erdmann (u.a. ORF).

  Herr Schwarz, in Ihrem und Heinz Erdmanns Buch äußern und belegen Sie starke Zweifel an den offiziellen Kriegsgründen der USA und Großbritanniens gegen den Irak. Vertreten Sie auch die in letzter Zeit immer wieder zu hörende Meinung, dass die USA einen Stützpunktersatz für Saudi Arabien wollten oder favorisieren Sie eine andere These?

  Natürlich spielt die Abwendung von Saudi-Arabien nach dem 11. September eine gewisse Rolle. Der Irak liegt für die längerfristigen geopolitischen Ziele der Vereinigten Staaten auch wesentlich günstiger als Saudi-Arabien: von hier aus kann man auf den Iran wesentlich höheren Druck ausüben - und der ist ja auch Bestandteil der Achse des Bösen. Außerdem hat man es im Irak mit einer Gesellschaft zu tun, die ganz grundlegend neu geformt werden kann, wo es keine starren politischen Strukturen gibt und wo man die politischen Entscheidungsprozesse wesentlich direkter beeinflussen kann als in Saudi-Arabien mit seiner korrupten Monarchie. Uns hat eine einflussreiche Beraterin der Bush-Administration auch bestätigt, dass die USA intensiv an einer "wirtschaftlichen und politischen Liberalisierung" in Saudi-Arabien arbeiten, doch bis dieses Ziel geschafft ist, wird der Irak wohl zur bevorzugten Basis der USA im Mittleren Osten.
  Aber man darf auch nicht vergessen, dass der Irak eben keine Theokratie war und nach dem Willen der USA auch keine werden soll, sodass man hofft, dort weniger mit dem fundamentalistischen Problem konfrontiert zu sein als etwa in Saudi-Arabien. Wir halten diese Hoffnung aber für verfehlt, weil es durchaus einige Hinweise darauf gibt, dass es im Irak zu einem politischen Merger von ehemaligen Anhängern Saddam Husseins und islamistischen Gruppierungen kommen kann, die eine reine Zweckgemeinschaft eingehen. Ihr Ziel: die Amerikaner aus dem Land zu vertreiben.
  Noch aber sind diese terroristischen Strukturen nicht konsolidiert worden.

  Wenn Saddam ebenso tot wie seine Söhne in der Öffentlichkeit präsentiert wird, würde die USA damit nicht geradezu seinen Status als Märtyrer heraufbeschwören?

  Ja und nein.
  Natürlich würde es nach dem gewaltsamen Tod Saddam Husseins zu einer kurzen intensiven Phase des Widerstandes kommen, aber ein echter Märtyrer in islamischem Sinn kann er schon alleine deshalb nicht werden, weil er einfach kein religiös motivierter Despot, sondern ein weltlicher Diktator war. Seine Versuche, einen "Heiligen Krieg" anzuzetteln sind bisher auch ziemlich schief gegangen. Condolezza Rice, die Sicherheitsberaterin von US-Präsident George W. Bush, wird in unserem Buch wie folgt zitiert: "Er ist ein altmodischer, blutiger Diktator. Er hat durch Angst und Gewalt regiert und nicht, weil ihm eine mystische Liebe entgegengebracht wurde". Damit hat sie durchaus recht, wiewohl Saddam Hussein mit seinen regelmäßigen Briefen und Tonbändern an so etwas wie der Osamisierung seiner Persönlichkeit arbeitet und ebenso wie Osama bin Laden hin und wieder aus dem Untergrund den Widerstand anheizen möchte.
  Wenn Saddam Hussein getötet wird und ihm kein Prozess gemacht werden kann, wird dadurch allerdings auch die Chance verdorben, mehr über die Wochen und Monate vor dem Krieg zu erfahren und die Rätsel um vermeintliche Massenvernichtungswaffen aufzulösen. Deshalb sollten die USA eine Vorgangsweise wie bei Saddams Söhnen eher vermeiden.

  Glauben Sie, dass die USA mit Hilfe des durch irakisches Öl bezahlten Wiederaufbaus ihre Wirtschaftsflaute überwinden können?

  Sie werden sie nicht überwinden können, aber eine feine Marktnische haben sie sich damit schon geschaffen. Der Investitionsbedarf für den Wiederaufbau der irakischen Wirtschaft wird auf 25 bis 100 Milliarden US-Dollar geschätzt, das ist schon ein ansehnlicher Betrag - aber lange nicht genug, um George W. Bushs desaströse Wirtschaftspolitik wieder wettzumachen. Dabei sollte man auch nicht vergessen, dass die US-Besatzung im Irak Unsummen verschlingt. Aber: der Irak ist für amerikanische Unternehmen zu einem Auftragseldorado geworden.

  Fordern sie damit den Hass der Iraker nicht geradezu heraus, indem sie ihre Vorurteile, der Westen würde sie nur ausplündern, bestätigen? Riskieren die US-Firmen im Irak dabei nicht, eine geradezu ideale Zielscheibe für Terroranschläge zu werden?

  Ausplündern ist ja nicht unbedingt das Wesen eines Wirtschaftsaufbaus. Wer nun die kaputte Infrastruktur repariert, ist den Irakern wahrscheinlich egal, solange es nur überhaupt passiert. Aber natürlich sind amerikanische Firmen in dieser Region ein "weiches Ziel" für Terror-Anschläge, wie uns die Ereignisse in Saudi-Arabien im Mai dieses Jahres auch deutlich gezeigt haben. Das gilt aber nicht exklusiv für den Irak, sondern betrifft den gesamten Mittleren Osten. Es kommt eher darauf an, die Mentalität in dieser Region zu verstehen und da gibt es einen beträchtlichen Mangel.
  Die Briten verhalten sich im Südirak wesentlich geschickter als die Amerikaner im Rest des Landes.

  Die europäischen Gegner des Irakkrieges haben ja wohl auch gewichtige Interessen in der Region und zweitens werden z.B. die Deutschen nicht so grundsätzlich von der Mehrheit der dortigen Bevölkerung abgelehnt. Glauben Sie, dass sie sich wohl oder übel doch als Besatzungsmacht, oder wie immer man es nennen will, im Irak wieder finden werden?

  Ich kann nicht wirklich abschätzen, ob die Europäer sich das antun wollen, wenn sie es aber tun, dann lediglich, um das Verhältnis mit den USA zu kitten. Wenn man das Verursacherprinzip anwendet - und das schreiben wir auch deutlich in "Saddams blutiges Erbe", dann muss man einfach sagen: wer unilateral angreift, muss auch dann die Kapazitäten haben, unilateral zu reparieren und zu regieren. Eine Ausdehnung europäischer Einsätze auf den Irak halte ich für ein gewagtes Abenteuer und für ein gefährliches obendrein. Außerdem schafft es einen gefährlichen Präzedenzfall: die USA beschließen, einzugreifen, werfen alle internationalen Verpflichtungen über Bord, sehen sich danach überfordert und die Europäer versuchen dann aus Selbstüberschätzung wieder alles zu reparieren und zu finanzieren. So kann es ganz bestimmt nicht gehen.
  Im übrigen ist es vollkommen lächerlich, wenn Staaten wie Polen, Albanien oder auch Italien oder Deutschland meinen, im Irak mit besonders gewieftem militärischem Engagement glänzen zu können. Wenn die größte und am besten ausgerüstete Armee der Welt - jene der USA - es nicht schafft, den Irak zu befrieden, so werden albanische Truppen das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht können.

  Der "Ausrutscher" der SPD mit dem Bush-Hitler-Vergleich war ja nur ein erfolgreicher versuch, die PDS-Wähler auf Schröders Seite zu ziehen. Aber sagt das nicht auch etwas über die antiamerikanische Stimmung in Deutschland und Europa aus? Besteht da nicht im Zusammenspiel mit der ohnehin nicht sonderlich europafreundlichen US-Administration ein gefährliches Konfliktpotential?

  Ganz bestimmt. Der Bush-Hitler-Vergleich war ein absolut inakzeptabler, dummer, gefährlicher und historisch absolut falscher Ausrutscher. George W. Bush ist schlicht ein Mann ohne außenpolitische Erfahrung, mit großer Durchsetzungskraft, aber auch beraten von Menschen, die in Washington von Experten nur "die Verrückten" genannt werden. Vielleicht hätte es Bill Clinton, der Ehreneuropäer im Weißen Haus, besser geschafft, den Europäern den Irak-Krieg zu verkaufen, aber dazu kam es ja nicht. Ich glaube auch, dass in der Bush-Administration im Vorfeld des Krieges ein völlig unprofessioneller PR-Feldzug gestartet wurde, der eigentlich nur von Panik gekennzeichnet war: zuerst wollte man die Gefahr von Massenvernichtungswaffen unterbinden, doch die waren auch von den Vereinten Nationen nicht zu finden. Dann wechselte man auf die Gefahr einer Zusammenarbeit des Saddam-Regimes mit Terroristen, doch auch das war eine Pleite. Also holte man ganz zum Schluss das Menschenrechtsargument aus der politischen Requisite. Man hätte schlicht besser recherchieren sollen und dann ein halbwegs haltbares Argument finden und dieses dann wieder und wieder betonen sollen. Dann wäre der europäische Widerstand gegen den Irak-Krieg auch geringer gewesen.
  Leider ist es vor dem Krieg unter den Gegnern dieses Militärschlages zu bedauernswerten intellektuellen Eskapaden gekommen, wenn etwa Bush mehr kritisiert wurde als Saddam Hussein, der ein grausamer Diktator war. Dazu gehört auch ganz bestimmt das Verbrennen amerikanischer Flaggen auf Demonstrationen. Solche Dummheiten aber entstehen auch, weil die Bush-Administration seit ihrem Amtsantritt mit internationalen Verpflichtungen in beinahe jedem Bereich schändlich umgegangen ist und sich um nichts mehr geschert hat, was irgendwann einmal am grünen Tisch verhandelt worden ist. Der Irak-Krieg war da nur die Spitze einer langen Reihe von derartigen Aktivitäten.
  Ich glaube aber nicht, dass es in Europa zu einer nachhaltigen anti-amerikanischen Stimmung kommt. Es gibt einen breiten Konsens über die Gefährlichkeit der Politik der gegenwärtigen Mannschaft im Weißen Haus, aber gleichzeitig wohl auch einen ebenso breiten Konsens über die Wertegemeinschaft, die uns in Europa mit den USA verbindet. Es handelt sich nicht um zwei unterschiedliche Kulturen, sondern um eine Kultur mit großen Differenzen in einigen Bereichen. Das kann man auch konstruktiv umgestalten und letztendlich kann es auch zu einer stärkeren europäischen Identität führen, die sich nicht nur aus der Gegnerschaft zu den USA speist.

Herzlichen Dank und viel Erfolg für die Zukunft!

Von Alfred Ohswald am 16. 8. 2003

Die Webseite zum Buch

Martin Schwarz / Heinz Erdmann
Saddams blutiges Erbe. Der wirkliche Krieg steht uns noch bevor.
Die Nachkriegssituation im Irak