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Interview mit Jürgen Roth


Jürgen Roth

Geb. 1945 in Frankfurt/Main, mittlere Reife, Speditionskaufmann;
1968 Ausstieg und, zusammen mit seiner späteren Ehefrau Reni, einjähriger Aufenthalt in dem kleinen türkischen Dorf Bodrum; anschließend Journalist und Schriftsteller.
Zahlreiche Buchveröffentlichungen u.a.:
Armut in der Bundesrepublik (1971);
Reportagen vom Elend des Alltags (1973);
z.B. Frankfurt - die Zerstörung einer Stadt (1975);
Geographie der Unterdrückten - die Kurden (1978);
Makler des Todes - Waffenhändler packen aus (1986);
Die Mitternachtsregierung (1990);
Die Verbrecher-Holding - Europa im Griff der Mafia (zusammen mit Marc Frey, 1992);
Die Russenmafia(1996);
Der Sumpf - Korruption in Deutschland ( 1997)
Die roten Bosse -Rußlands Tycoone übernehmen die Macht in Europa(1998);
Der Oligarch -Vadim Rabinovich bricht das Schweigen ( 2001);
Netzwerke des Terrors (2001)
zahlreiche Fernsehdokumentationen über Waffenhandel und das organisierte Verbre
chen.

  Die von Ihnen und ähnlichen Autoren in Ihren Büchern aufgezeigten Fakten und Verdachtsmomente finden selten große Resonanz in den Massenmedien. Erwartet man das beim Fernsehen fast nicht mehr, obwohl hier z.B. die Sendung Kulturzeit (3sat) eine beachtenswerte Ausnahme ist, ist es bei den renommierten Zeitungen und Magazinen doch eigenartig. Fast könnte sich der Eindruck aufdrängen, dass es so genau niemand wissen will. Oder liegt es eher daran, dass Sie sich schlecht in eine ideologische Schublade einordnen lassen?

  Ganz so negativ ist es nicht. Das Buch "Die roten Bosse" hatte in Österreich ja zu erheblichem Aufsehen und politischem Wirbel geführt. Ob die Bevölkerung von mafiosen Strukturen nichts wissen will, bezweifle ich. Grundsätzlich gilt jedoch eine Erfahrung: Die elektronischen Medien liefern zunehmend nur Politunterhaltung. Formen sind gefragt, aber keine Inhalte. Komplizierte Zusammenhänge im Bereich von internationaler Kriminalität oder des Terrorismus lassen sich in diesem Medium daher nicht mehr darstellen, von Ausnahmen einmal abgesehen.
  Und was mich betrifft ist es so, dass Themen im Bereich der Organisierten Kriminalität oder des Terrorismus sich in der Tat nicht in einem der gängigen ideologischen Raster einordnen lassen und da haben zwangsläufig einige massive Probleme. Mir ist das jedoch furchtbar gleichgültig, ob ich irgendwo eingeordnet werde oder nicht. Unangenehm wird es nur, wenn man von rechtsradikalen Parteien oder Organisationen, ob in Österreich oder Deutschland vereinnahmt wird.

  Beim Lesen von "Der Oligarch" hat man den Eindruck, dass Ihr persönlicher Kontakt mit Vadim Rabinovich Ihre Sichtweise der Verhältnisse in den Ländern der ehemaligen UDSSR verändert hat. Das Verständnis für die näheren Lebensumstände hat auch das Verständnis für die dortigen Entwicklungen und persönlichen Karrieren verstärkt. Stimmt dieser Eindruck?

  Natürlich stimmt dieser Eindruck. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man die sozialen und kulturellen Hintergründe von Persönlichkeiten mit in seine Beobachtungen und Untersuchungen einbezieht oder nicht. Was nichts daran ändert, dass die ethischen Standards einer demokratischen Gesellschaft einzuhalten sind.
  Was ich bei Vadim Rabinovich gelernt habe ist, dass es das platte Schwarz-Weiß-Muster von Gut und Böse so nicht gibt. Und es fatal ist, sich auf bestimmte Quellen, insbesondere von Nachrichtendiensten zu stützen. Da war ich vorher etwas zu naiv.

  Ihr aktuelles Buch "Netzwerke des Terrors" ist über weite Strecken eine komprimierte Darstellung ihrer früheren Bücher unter besonderer Berücksichtigung ihrer Zusammenhänge mit dem islamischen Terrorismus und Afghanistan. Der arabische Raum gehörte bisher ja eher nicht zu ihren Spezialgebieten und nimmt auch hier relativ wenig Raum ein. Planten Sie dieses Buch in dieser Form oder bestimmte hier der Anschlag auf das World Trade Center und das dadurch hohe Interesse in der Öffentlichkeit das Thema und den Erscheinungszeitpunkt?

  Ihren Eindruck teile ich nicht. Im Netzwerke des Terrors geht es mir darum, die eindeutigen Verbindungen zwischen Terrorismus und der Organisierten Kriminalität aufzuzeigen und dadurch gleichzeitig die fehlende Diskussion nach dem 11. September und den Hintergründen ein wenig anzuregen. Das zeige ich insbesondere, wenn es um die Staaten und Regierungen geht, die auf einmal zur internationalen Koalition gegen das Böse, also den Terrorismus, gehören.
  Und das Beispiel Russland zeigt ja, dass hier ganz neue Entwicklungen zu beobachten sind. Das gleiche gilt für die Vernetzung der finanziellen Netzwerke von Bin Laden mit hoch respektablen westlichen Konzernen und US-Politikern. Über die wird interessanterweise in Frankreich berichtet und in England, jedoch nicht im deutschsprachigen Raum. Ich muß mir dabei selbst den Vorwurf machen, dass ich noch viel zu wenig auf diese brisanten Zusammenhänge eingegangen bin, wegen des Zeitdrucks.
  Im Zusammenhang mit der verhängnisvollen Rolle von Geheimdiensten bei der Produktion von Desinformationen beziehe ich meine Erfahrungen natürlich auf ein anderes Buch von mir, zum Beispiel "Schmutzige Hände - wie die westlichen Staaten mit der Drogenmafia kooperien". Im "Netzwerke des Terrors" mache ich das am Beispiel Liechtenstein deutlich.
  Im übrigen war das Buch in dieser Form nicht geplant, sondern Auslöser war der kriminelle Terrorakt am 11. September.

  Die neuen Gesetze zur Erhöhung der Sicherheit sind ja wegen ihrer Gradwanderung an der Grenze zur liberalen Gesellschaft heftig umstritten. Wie schätzen Sie ihre mögliche Wirksamkeit ein? Ist das angesichts der durch die hohe Staatsverschuldung verursachten Einsparungsmaßnahmen nicht eher eine Beschwichtigungsaktion für die Bürger, denn ein wirklicher Lösungsansatz?

  Die neuen Gesetze sind mit heißer Nadel gestrickt und widersprechen teilweise den Grundverständnis eines liberalen und stabilen Rechtsstaates. Ich bezweifle, und da bin ich nicht alleine, dass sie wirklich den Terrorismus bekämpfen. Ihre hastige Verabschiedung, entgegen den Ratschlägen vieler Sicherheitsexperten, zeigt wie dünn der Boden ist, auf dem unser demokratischer Staat sich bewegt.
  So gesehen stellen die Gesetzesänderungen tatsächlich eher eine Beschwichtigung denn einen wirklichen Lösungsansatz dar. Solange Terrorismus politisch funktionalisiert wird, gibt es sowieso keine Lösung des Problems.

  Ist nicht durch das besondere Augenmerk auf den islamischen Terrorismus eine Vernachlässigung der Ermittlungen gegen andere, kriminelle Gefahrenquellen zu befürchten?

  Genau diese Gefahren sehe ich ja auch und sie waren das ursächliche Motiv, das Buch "Netzwerke des Terrors" zu schreiben. Ich wehre mich gegen die Focuisierung auf den Terrorismus, während die vielfältigen Ursachen für Terrorismus nicht benannt werden und insbesondere deshalb, weil der Terrorismus nur in Verbindung mit Organisierter Kriminalität betrachtet werden kann. Das sind eineiige Zwillinge.
  Interessanterweise redet deshalb auch niemand von den mafiosen Strukturen, weil -wie das Beispiel Italien zeigt - diese längst bei uns Teil des wirtschaftlichen und politischen Systems geworden sind.

  Zur Zeit kann sich ja noch kaum gegen die Einverleibung der USA für ihre Ziele entziehen. Selbst vorsichtige Kritik gleicht öffentlichen Selbstmord. Fürchten Sie, dass die USA diese Situation für Aktionen gegen weitere "Schurkenstaaten" nutzt?

  Wer ist eigentlich ein Schurkenstaat und wer definiert diese? Jene Staaten, die von den USA so genannt werden. Warum aber steht nicht die Türkei auf dieser Liste, warum nicht viele der Staaten der ehemaligen UdSSR oder Pakistan? Wenn es den geostrategischen Interessen der USA dient sind Schurkenstaaten auswechselbar, demokratische Strukturen und fundamentale Menschenrechte zählen nicht bei dem Ranking der Schurkenstaaten. Das ist das groteske bei dieser Diskussion, die in der intellektuellen Öffentlichkeit leider viel zu wenig geführt wird.

  Trotz allem Aufwand gelingt es scheinbar nicht, den Täter der Milzbrandanschläge in den USA ausfindig zu machen. Liegt es möglicherweise daran, dass die Auslandsgeheimdienste der USA reichlich Mittel zur Verfügung haben, das FBI aber nicht?

  Es dürfte doch ziemlich klar zu sein, dass die Täter der Milzbrandanschläge in den USA nichts mit Osama Bin Laden und Al Quida zu tun haben, sondern in den USA zu finden sind. Die Erkenntnisse des FBI sind da ziemlich eindeutig. Wahrscheinlich passt es nicht in das politische Konzept, diese Erkenntnisse auch hier in Europa zu verbreiten. Mit Angst, geschürt von den Massenmedien und bestimmten Politikern lässt sich immer gut billige Interessenpolitik machen.

  Die Nordallianz hat in Afghanistan die USA schnell vor vollendete Tatsachen gestellt. Wie schätzen Sie die Chancen auf eine Normalisierung ein?

  Hier herrscht nur das Prinzip Hoffnung. Tatsache ist, dass die Taliban bis vor dem 11. September nicht unbedingt die größten Feinde der USA waren.Und wer hat sich denn vor dem 11. September um die unwürdigen Verhältnisse in Afghanistan gekümmert?
  Die Nordallianz war zumindest in der Vergangenheit nicht weniger kriminell und trieb keine geringere menschenverachtende Politik als die Taliban. Aber vielleicht bildet sich ja jetzt ansatzweise eine zivilisierte Gesellschaft. Im Interesse des leidgeprüften afghanischen Volkes ist das zu hoffen.

  Steht schon das Thema ihres nächsten, geplanten Buches fest?

  Natürlich. Es wird sich ausführlich mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin beschäftigen.

  Herzlichen Dank!

Von Alfred Ohswald

Jürgen Roths Website

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Schmutzige Hände
Wie die westlichen Staaten mit der Drogenmafia kooperieren

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Der Oligarch
Vadim Rabinovich bricht das Schweigen

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Internationale Terrororganisationen und organisierte Kriminalität

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