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Interview mit Markolf Hoffmann


Markolf Hoffmann

  Markolf Hoffmann wurde 1975 in Braunschweig (Niedersachsen) geboren und studiert Geschichte und Literaturwissenschaft in Berlin, wo er heute auch lebt. Neben dem Schreiben beschäftigt er sich bevorzugt mit dem Medium Film, als eifriger Kinogänger ebenso wie als gelegentlicher Drehbuchautor und Regisseur eigener Kurzfilme.

  Bei "Das Zeitalter der Wandlungen" hat man den Eindruck, dass sehr ausführliche Vorarbeiten zu Konstruktion der Hintergrundwelt der der komplexen Handlung nötig waren. Ist das zutreffend?

  Die Reihe erforderte in der Tat einige Vorarbeit. Schon die Struktur mußte aufgrund der vielen Stränge gut durchdacht sein - es war höllisch schwer, sich nicht darin zu verheddern. Aber auch die Welt habe ich umfassend ausgearbeitet, denn sie ist die Bühne für die Handlung und sollte eben nicht aus dem standardisierten Fantasy-Einheitsbrei schöpfen, sondern in sich stimmig sein. Dazu gehörte die Ausarbeitung der Geschichte und Mythen von Gharax, die ja in den Romanen von großer Bedeutung sind. Auch die einzelnen Länder und religiösen Traditionen habe ich detailliert ausgearbeitet. Einige Ansätze zu dieser Konstruktion kann man übrigens auf meiner Webseite www.nebelriss.de nachlesen, auch wenn sie nur die Spitze meines Notizeneisbergs darstellen.

  Die Erzählung der Handlung durch mehrere, gleichwertige Charaktere ohne dezidierte Hauptfigur erinnert - zumindest im Fantasy-Genre - natürlich zuerst an George R. R. Martin und sein Epos "Das Lied von Eis und Feuer". Gab es bewusste literarische Vorbilder?

  George R.R. Martin entdeckte ich kurz nach der Fertigstellung von "Nebelriss" - und war begeistert. Durch diese großartige Reihe fühlte ich mich bestätigt, daß man Fantasy tatsächlich so schreiben kann, wie auch ich es mit "Nebelriss" begonnen hatte: mit üppigem Personal, fragwürdigen Charakteren und ohne jeden Heldenglanz. Auch wenn natürlich meine Reihe in eine ganz andere Richtung weist, da in ihr der Aspekt der Magie stärker betont wird und die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht so stark im Vordergrund stehen wie bei Martin. Ein bewußtes Vorbild gab es für mich nicht - ich wollte vor allem innerhalb der epischen Fantasy neue Wege beschreiten, etwa durch den Verzicht auf eine klare Heldenfigur. Bis zum letzten Teil der Reihe bleibt offen, welcher der Wege, die die Personen im "Zeitalter der Wandlung" beschreiten, nun der richtige ist - und ob es einen solchen überhaupt gibt.


  Auf wie viele Teile ist "Das Zeitalter der Wandlungen" ausgelegt. Oder ist das noch völlig offen?

  Der vierte Band wird definitiv der letzte sein - und ursprünglich war die Reihe als Trilogie angelegt. Aber die Komplexität der Handlung und die Verlagsvorgaben, die eine überschaubare Seitenzahl fordern, haben mich dazu bewogen, "Das Zeitalter der Wandlung" zu einer Tetralogie auszubauen. Der Reihe lag aber von Anfang an eine begrenzte, klar definierte Handlung zugrunde: Der Niedergang der Welt Gharax - oder sollte man sagen: ihre Transformation?

  Arbeiten Sie an beim Schreiben mehreren Projekten gleichzeitig oder konzentrieren Sie sich zur Zeit völlig auf "Das Zeitalter der Wandlungen"?

  Zur Zeit werden mein Schreibtisch und die Windungen meines Gehirns ausschließlich vom vierten Band der Reihe, "Splitternest", in Anspruch genommen. Im letzten Jahr kollidierte allerdings der dritte Band mit der Niederschrift meiner Magisterarbeit. Zu neuen Projekte werde ich wohl erst nach dem Abschluß des "Zeitalters" kommen. Allerdings liegt noch ein fast fertiger, nichtphantastischer Roman in meiner Schublade, nebst mehreren Exposés, die ich hoffentlich bald verwirklichen kann.

  Wollen Sie sich in Zukunft auch in anderen literarischen Gattungen versuchen und gibt es da schon konkrete Ideen?

  So sehr ich das Fantasygenre mag - ich will auf jeden Fall auch andere Stoffe bearbeiten. So kann ich mir historische und gegenwartsbezogene, politische und groteske Themen für zukünftige Romane vorstellen. Letztlich muß ich sehen, welche Veröffentlichungsmöglichkeiten sich ergeben. Aber ganz untreu werde ich der Fantasy nicht werden. Dazu ist das Genre zu spannend, denn vieles ist hier noch nicht ausprobiert worden.

  Welche Bücher und Filme haben Sie besonders in ihren Bann ziehen können?

  Die Aufzählung all meiner Lieblingsbücher würde wohl den Umfang des Interviews sprengen. Dazu gehören so unterschiedliche Werke wie "A song of ice and fire" von George R.R. Martin, "Langsamer Walzer" von Henning Ahrens, "Hundsnächte" von Reinhard Jirgl und "Diamond Age" von Neil Stephenson. Aber auch Klassiker lese ich mit Begeisterung: Joyce und Dostojewski, Molière und Bulgakow. Ein Buch, das ich immer wieder lese, ist das wundervolle "Montag beginnt schon am Samstag" von den Strugatzki-Brüdern - für mich einer der komischsten und ergreifendsten Romane der Weltliteratur.
  In Sachen Film ist es etwas einfacher. Seit Jahren steht das Meisterwerk "Brazil" von Terry Gilliam unverrückbar auf Platz 1 meiner persönlichen Favoritenliste. Eine gelungenere Verquickung von Ernst und Komik, grandioser Kulisse und intensiver Schauspielkunst ist mir seither nicht begegnet. Im letzten Jahr hat mich allerdings der Film "Oldboy" tief beeindruckt. Ebenfalls ein Meisterwerk.

  Glauben Sie, dass die verbesserten Filmeffekte-Techniken und der Erfolg von "Der Herr der Ringe" uns in Zukunft mehr Filme aus diesem Genre bescheren werden. Oder wird das die übliche Praxis, Fantasy in Buchform meist mindestens als Trilogie zu schreiben, langfristig behindern, wenn nicht nach dem ersten, dicken Misserfolg völlig verhindern?

  "Der Herr der Ringe" nimmt seit jeher eine Sonderstellung ein - Tolkien hat mit seiner Trilogie die moderne Fantasy sozusagen definiert, und jeder Fantasyautor (ob er nun in seiner Tradition schreibt oder sich von ihr absetzt) wird unweigerlich mit dem großen Meister verglichen. Der Boom, der durch die Filmtrilogie ausgelöst wurde, hat überall in der Welt Autoren ermuntert, sich dem Genre anzunähern. Leider sind viele Romane nur uninspirierte Nachahmungen des "Herrn der Ringe" und taugen meiner Meinung auch nicht als Vorlagen für kommende Filmhits. Der Fantasy-Boom könnte also ganz schnell wieder vorbei sein, wenn nicht auch interessante, innovative Stoffe auftauchen. Auf der anderen Seite haben zur Zeit gerade in Deutschland junge Autoren die Chance, mit Fantasystoffen zu reüssieren. Mit ein wenig Mut seitens der Verlage könnte so eine neue, jüngere Szene aus Autoren und Lesern entstehen, die ungewohnte Wege beschreitet.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg bei zukünftigen Projekten!

Von Alfred Ohswald am 16. 6. 2006

 

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Fantasy-Kurzgeschichten