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Interview mit Daniel Illger


   Der 1977 geborene Daniel Illger studierte in Berlin und arbeitet als Literatur- und Filmwissenschaftler. Im Bereich Film veröffentlichte er bereits einige Sachbücher. Der Fantasy-Roman „Skargat. Der Pfad des schwarzen Lichts.“ ist sein Prosa-Debüt. Mittlerweile ist der Nachfolgeband „Skargat. Das Gesetz der Schatten“ erschienen.


  Warum entschieden Sie sich für das im deutschen Sprachraum doch nicht alltägliche Genre der Fantasy?

  Seit meiner frühen Kindheit liebe ich Monster. Und es war mir schon immer eine Lebensnotwendigkeit, andere Welten zu gestalten. Ich glaube, dass diese Phantasiereisen in andere Welten nicht einfach eine Flucht vor unserer Wirklichkeit darstellen. Meines Erachtens ist es vielmehr so, dass wir einen neuen Blick auf die alltägliche Lebensrealität, die sozialen und politischen Probleme unserer Zeit gewinnen können, wenn wir uns in anderen Welten umtun.
  Im Übrigen scheint mir, dass man nicht wirklich die Wahl hat, was man schreibt. Wenn es einem Autor mit der eigenen Literatur Ernst ist, muss er gehen, wohin ihn seine Obsessionen führen.

  Wie kam Ihnen die Idee zu einem derart düsteren Hintergrund?

  Vor einigen Jahren gab ich an der Freien Universität Berlin ein Seminar über die Figur des Vampirs in Film und Literatur. Bei den Recherchen zu diesem Seminar habe ich herausgefunden, dass der sogenannte Volksglaube des Mittelalters und der frühen Neuzeit eine überaus lebhafte Vorstellung vom Totenreich hatte. Damals glaubten die Leute, dass die Verstorbenen irgendwie noch zu unserer Welt gehören. Sie sind so gut oder so böse wie zu Lebzeiten; sie üben Berufe aus und verfügen über Geld; sie zechen in Wirtshäusern, die für Ihresgleichen bestimmt sind; sie versammlen sich in Kirchen, um Gespenstermessen zu feiern – und wehe den Lebenden, die eine solche Messe stören.
  Je mehr ich über diese Dinge erfuhr, desto unheimlicher und zugleich inspirierender fand ich sie: etwa den Brauch, Speisen und Getränke bereitzustellen für die ruhelosen Toten, die nachts in den Dörfern umgingen und mit dieser Gabe besänftigt werden sollten.
  Irgendwann fiel mir auf, dass das Genre, welches wir als High Fantasy bezeichnen – so sehr es von überkommenen Sagen, Legenden und Mythen umgetrieben wird –, wenig von den Gespensterwelten des Volksglaubens zu wissen scheint. Das war gewissermaßen die Geburtsstunde von „Skargat“.
  Darf ich hinzufügen, dass mir dieser Hintergrund gar nicht so düster erscheint? Ich liebe Melancholie in der Kunst, Depressivität hingegen nicht so sehr. Auch wenn alles zum Teufel geht, kann man sich daran freuen, wie einem die Sonne den Pelz wärmt. Es ist mir wichtig, dass immer auch Freude in der Romanwelt verbleibt. Irgendwie ist es doch eine sehr schöne Vorstellung, dass auch die Toten gerne mal ein Bier trinken gehen.
  Abgesehen davon macht es viel Spaß, ein Garn zu weben, das Fantasy und (Gothic-)Horror verbindet, und ich hoffe, dass sich etwas davon auf die Leserinnen und Leser überträgt.

   Welche literarischen und filmischen Vorlieben würden Sie sonst nennen können?

  Lange Zeit habe ich überhaupt keine Fantasy gelesen, sondern vor allem Autoren, die als Klassiker der Weltliteratur gelten. Von diesen haben mich Dostojewski, Faulkner, Camus, García Márquez, Dickens und Thomas Mann am meisten geprägt. Das Erweckungserlebnis in Sachen Fantasy war für mich, wie bei so vielen, die Lektüre der ersten Bände von „A Song of Ice and Fire“. Seit ich Martin gelesen habe, weiß ich, dass Fantasy, wenn sie wirklich gut ist, alles kann.
  Ich liebe auch die Tradition der „weird tale“ – Autoren wie Lovecraft, Arthur Machen, Algernon Blackwood und vor allem William Hope Hodgson – und gute Krimis. Neben Hard Boiled-Heroen wie Chandler, Hammett und Goodis hat es mir vor allem Håkan Nesser angetan.
  Was meinen eigenen Schreibstil betrifft, so hat mich besonders die melancholische – und teilweise auch sehr lakonische Poesie – von Neil Gaiman und Ralf Rothmann beeinflusst.
  Beim Film hege ich eine Vorliebe für das (west-)europäische, nordamerikanische und asiatische B-Genre und Exploitationkino der 60er, 70er und frühen 80er Jahre. Zuvörderst das italienische Kino jener Jahre hat es mir angetan. Beispielsweise verdanken wir Mario Bava, Dario Argento und Lucio Fulci einige der poetischsten Horrorfilme, die je gedreht worden sind.
  Schließlich denke ich, dass man eine Menge von Serien lernen kann. Beispielsweise hilft einem „Buffy the Vampire Slayer“ zu verstehen, wie man das Potential von Figuren voll ausschöpfen kann, und wenn man „Babylon 5“ oder „Breaking Bad“ kennt, weiß man, wie gute Enden auszusehen haben.

  Bisher besteht ihre „Mannschaft“ ja mit Ausnahme der Wölfe und Dämonen aus Menschen. Wenn auch zugegeben in recht unterschiedlichen Zustandsformen. Wird sich das in zukünftigen Teilen ändern?

  Ich gehe davon aus, dass das im Wesentlichen so bleiben wird. Elfen, Zwerge, Orks oder Trolle sind mir keineswegs unsympathisch – ich persönlich wüsste aber nicht, was ich literarisch mit ihnen anfangen sollte.
  Die Nachtgestalten und Spukwesen, die „Skargat“ bevölkern, werden allerdings auch weiterhin in den Romanen umgehen. Einige von ihnen werden vielleicht sogar eine größere Rolle spielen.

  In „Skargat“ wird ein Volk kurz erwähnt, dass ähnlich wie Tolkiens „Númenór“ klingt. Zufall? Wenn nicht, gibt es mehrere Anspielungen?

  Ich muss bekennen, dass ich erst vor wenigen Jahren angefangen habe, Tolkien zu lesen – und, nebenbei bemerkt, von Anfang an überaus beeindruckt von der künstlerischen Größe dieses Autors war.
  „Num’er“ und die „Numerer“ – auf die Sie vermutlich anspielen – haben eher etwas mit der archaischen Hochkulter der Sumerer und meiner Faszination für das Gilgamesch-Epos zu tun.

  Ist schon geplant, wie viele Teile von „Skargat“ noch folgen sollen?

  Ich gehöre zu den Autoren, für die das Schreiben wie eine Reise in ein fremdes Land ist: Man hat im Vorfeld vielleicht einiges gelesen, Karten studiert, kennt – wenn man Glück hat – die Sprache, doch man weiß niemals wirklich, was einen erwartet.Mit anderen Worten: Mir macht die Sache am meisten Spaß, wenn ich meiner Geschichte und meinen Figuren erlaube, mich zu überraschen.
  Vor diesem Hintergrund kann ich natürlich schwer voraussehen, wie genau es mit „Skargat“ weitergehen wird. Was ich allerdings schon zu sagen vermag, ist, dass ich versuchen werde, mit zwei oder drei Bänden an einen Punkt zu kommen, wo die erste Hauptgeschichte abgeschlossen ist.

  Herzlichen Dank für Ihre Zeit und viel Erfolg bei Ihren weiteren Vorhaben!

Von Alfred Ohswald am 30. 3. 2015