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Interview mit Clementine Skorpil

   Clementine Skorpil wurde am 19. Dezember 1964 in Graz geboren und studierte Sinologie und Geschichte in Wien. Während eines Auslandsemesters in Taiwan studierte sie neben der chinesischen Hochsprache auch klassisches chinesisch.
  Bisher veröffentlichte sie neben wissenschaftlichen Arbeiten Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und die historischen Romane „Fuchsgeister“, „Die Harmonie im Kerker des Mandarin“ und „Gefallene Blüten“.

  Gab es einen bestimmten Anstoß, ab dem Sie hauptsächlich Prosa schrieben, weil Sie sich ja in Ihrer Arbeit „Der lange Schlaf - wer könnte ihm entgehen“ offensichtlich besonders stark mit Lyrik beschäftigten?


  Ich habe selbst immer Prosa geschrieben. Die Tatsache, dass ich mich in meiner Diplomarbeit mit Lyrik beschäftigt habe, hat andere Ursachen. In meiner Diplomarbeit war der Ausgangspunkt meiner Überlegungen die Fragestellung, ob Chinesen anders denken und fühlen als Menschen in Europa oder ob es quasi eine Grundkonstante des Seins gibt, die allen Menschen gemeinsam ist, unabhängig von der kulturellen Prägung.
  Die zwei großen Themen – die Liebe und der Tod – betreffen alle. Und ja, es gibt für beides kulturell bedingte Rituale, die sich eklatant unterscheiden. Aber betrifft das auch das Empfinden? Die Liebe war mir als Thema zu breit, wie sollte ich da die Quellen eingrenzen? Das war auch beim Tod nicht ganz einfach, aber leichter. Die meisten Gedichte sind Liebesgedichte. Über den Tod haben hingegen wenige geschrieben. Und es waren überschaubare Texte. Die ursprüngliche Frage konnte ich allerdings nicht eindeutig beantworten … ist wahrscheinlich gar nicht beantwortbar.

  Waren die in letzter Zeit sich nicht uninteressanten beruflichen Möglichkeiten im wirtschaftlich emporstrebenden China keine Versuchung, das Schreiben zumindest vorerst hintenan zu stellen?

  Es ist immer wieder reizvoll, die Zelte hier abzubrechen und dort zu leben/zu arbeiten. Als mein Mann noch im Tunnelbau bei einer Firma tätig war, die viele Projekte im Ausland durchgeführt hat, haben wir uns explizit dafür gemeldet, dass wir sofort bereit wären, ein solches Projekt in China zu übernehmen. Das hat sich nicht ergeben. Inzwischen ist mein Mann in der Verwaltung tätig und wir haben Zwillinge, die demnächst mit der Schule beginnen. Ich sehe das in der nächsten Zeit also eher nicht. Aber das bedeutet nicht, dass ich das für eine spätere Lebensphase ausschließen möchte. Das Schreiben hintanzustellen, kann ich mir indessen schwer vorstellen.

  Welche chinesischen Klassiker und modernen Autoren würden Sie den europäisch und anglo-amerikanisch geprägten Lesern zum Einstieg empfehlen?

  Das kommt ganz darauf an, was jemand gern liest. Die Lyrik der Tang-Zeit etwa gehört zu Recht der Weltliteratur an. Aber auch die Gedichte Li Qingchaos, einer Dichterin der Song-Zeit, sind großartig.
  Was die Prosa betrifft, gibt es die großen Romane des 17. Jahrhunderts, die einen guten Einblick in das Leben des vormodernen China bieten. Hier sind vor allem die Übersetzungen von Franz Kuhn zu nennen, der diese Romane auch ein bisschen eingekürzt hat, was der europäischen Lesepraxis entgegenkommt. Als Einstieg empfehle ich da das Buch „Der Traum der roten Kammer“ – die Geschichte dreier junger Menschen am Übergang zum Erwachsenwerden.
  Bei den zeitgenössischen Autoren fällt einem natürlich Mo Yan ein, der vergangenes Jahr den Nobelpreis gewonnen hat. Seine Bücher sind im Stil des magischen Realismus geschrieben, vor allem sein erstes Buch: „Das rote Kornfeld“ hat mich so stark beeindruckt, dass ich damals sogar meine Diplomarbeit über Mo Yan schreiben wollte. Das Thema wurde abgelehnt.
  Wie bekannt, wurde die Vergabe des Preises an Mo Yan aber auch stark kritisiert, unter anderem von einem anderen Großen der chinesischen Gegenwartsliteratur: Liao Yiwu. Von ihm gibt es das großartige Buch: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten. Darin hat Liao Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft interviewt. Vergangenes Jahr dann sein Buch über die Ereignisse auf dem Tian ’an Men – wieder in Form von Interviews geschrieben. Das ist deshalb herausragend, weil es einer Gruppe von Menschen eine Stimme gibt, die bis dato im Diskurs über das Massaker nicht gehört wurden. Nicht den Studentenführern, den Intellektuellen, sondern jenen, die sich einfach der Demo angeschlossen haben, gar nicht vordergründig aus politischen Gründen, sondern weil es sie entsetzt hat, wie mit den Demonstranten umgegangen wurde.
  Krimifans seien die Bücher von Qiu Xiaolong empfohlen.
  Wenn ich über chinesische Literatur schreibe, dann muss ich auch Lu Xun erwähnen, von dem ich nicht weiß, ob man ihn zu den Klassikern oder zu den modernen Autoren zählt. Er ist 1936 in Shanghai gestorben. Berühmt wurde er für „Die wahre Geschichte von Ah Qiu“, eine Novelle. Ich finde aber auch seine autobiografischen Kurzgeschichten unglaublich spannend und hatte oft Bilder aus seinen Texten vor Augen, als ich „Gefallene Blüten“ schrieb.


  Sie erwähnen auf Ihrer Homepage eine Vorliebe für historische Romane. Bevorzugen sie eine bestimmte Epoche und/oder Weltgegend?

  Bei den historischen Krimis schätze ich vor allem Boris Akunin. Seine herrlich ironischen Fandorin-Krimis, die in Russland um die Jahrhundertwende spielen, haben mir immer Freude gemacht. Der erste historische Roman, den ich gelesen und der mich sehr beeindruckt hat, war „Friedemann Bach“ von Brachvogel. Inzwischen weiß ich, dass die Schilderungen der Bach-Familie alles andere als historisch sind. Wie es mir heute mit diesem Buch ginge, kann ich schwer einschätzen. Auch vor langer Zeit gelesen habe ich „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ von Franz Werfel. Bei diesem Buch bin ich mir sicher, dass es mir, läse ich es heute, auch wieder sehr gefallen würde.

  Wie schätzen Sie persönlich die größten Chancen und Gefahren für das heutige China (in extremer Kurzfassung) ein?

  Die große Gefahr ist, dass die Schere auseinandergeht. Als ich vor einigen Jahren in China war, wurde auf Plakaten für einen Ratgeber geworben: „How to Make a Fortune“. Das haben auch einige geschafft, es gibt Chinesen auf der „Forbes“-Liste. Aber wie überall gibt es auch Modernitätsverlierer. Der Graben zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung wird breiter und tiefer. Ein Mensch aus Shanghai hat vermutlich mehr gemein mit einem Londoner als mit einem Bauern aus Yunnan. Wirtschaftlich trübt es sich auch für China ein. Die Gefahr der Blasenwirtschaft ist inzwischen genauso reell wie überall anders auf der Welt. Wie kann das sein in einem Land, das von einer kommunistischen Partei regiert wird? Seltsam.
  Dass das rasante Wirtschaftswachstum auch dazu geführt hat, dass die Ressourcen knapp werden, liegt auf der Hand. Wie viel Energie wird China in den kommenden Jahren benötigen? Und wie stark wird das die Umwelt belasten? Als sich bei uns die industrielle Revolution vollzog, konnte man nicht wissen, welche Auswirkungen das haben wird. Heute haben wir Erfahrung. Das ist natürlich auch eine Chance für alle jene Weltgegenden, die jetzt dabei sind, sich zu industrialisieren. Ob diese Chance genützt wird, ist eine andere Frage.
  Der Kampf um Ressourcen und Rohstoffe ist jedenfalls voll entbrannt und wird wohl noch härter werden. Was das für Auswirkungen haben wird in Zusammenhang mit der oben genannten sozialen Sprengkraft durch die Differenzierung der Gesellschaft, ist schwer abzuschätzen. Oder anders gesagt: Im großen Kaffeesudlesen, wie es mit der KPCh weitergehen wird, kann ich keine eindeutigen Tendenzen erkennen. Aber sollte sie fallen, ist die Frage: Was kommt danach? Wird China eine Demokratie oder eine Scheindemokratie, wie es Putins Russland heute ist? Und vor allem: Wird es den Menschen dann grosso modo besser gehen? Werden sie freier sein?

  Herzlichen Dank und viel Erfolg für künftige Projekte!


Von Alfred Ohswald am 8. 5. 2013

 

Clementine Skorpil
Gefallene Blüten