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Interview mit Claudia Kern

  Claudia Kern wurde 1967 in Gummersbach in Nordrhein-Westfalen geboren. Sie betätigt sich aktiv bei der Organisation der Fedcon und der RingCon und gehört deshalb schon lange zu den Insidern der deutschsprachigen Szene de phantastischen Literatur.
  Als Autorin begann sie mit Heftserien des Bastei-Verlags, mit dem Roman zu einem Computerspiel „Anno 1701: Kampf um Roderrenge“, als Storylieferantin zu den Computerspielen „Darkstar One“ und „Geheimakte 2: Puritas Cordis“ und schließlich als Übersetzerin für Comics des Panini-Verlages.
  Ihren Durchbruch als erfolgreiche Autorin schaffte sie schließlich mit der Fantasy-Trilogie „Der verwaiste Thron“. Mit „Das Schwert und die Lämmer“ folgt 2011 sein historischer Roman.

  Die Handlung und die oft doch recht komplexen Charaktere im „verwaisten Thron“ erinnern doch im ersten Moment an den Altmeister der modernen Fantasy George R. R. Martin. Täuscht der Eindruck und gibt es überhaupt Autoren, die sie in besonders starkem Ausmaß beeinflussten?

  Wenn meine Charaktere an die von Martin erinnern, dann fühle ich mich sehr geschmeichelt. Er hat mich sicherlich inspiriert, vor allem hat er mir den Mut gegeben, eine Fantasy-Geschichte abseits von Elfen, Zwergen und Halblingen zu erzählen und eine ganz eigene Welt zu entwerfen.
  Wer viel liest und beginnt, selbst zu schreiben, wird natürlich auch beeinflusst. Stephen King, aber auch John Steinbeck und Ray Bradbury waren meine stilistischen Vorbilder, aber nach den ersten drei, vier Geschichten habe ich meine eigene Stimme gefunden, die ich nun versuche zu verbessern und zu verfeinern. Mal sehen, ob das gelingt.

  Die fiktiven Ausschnitte aus den Reiseberichten am Anfang jedes Kapitels setzen einen genialen, ironischen Kontrapunkt zur sonst eher toternsten Handlung. Gibt es für diese Schmuckstücke denn Inspirationsquellen?

  Meines Wissens nach nicht. Die Idee entstand aus der Notwendigkeit, den Lesern eine neue Welt zu präsentieren, ohne die Charaktere, die diese Welt ja kennen und als normal empfinden, immer wieder zu Erklärungen zu zwingen. Die Reiseberichte gaben mir die Möglichkeit, Exposition und Handlung voneinander zu trennen. Dass der Schreiber der Berichte eine eigene, recht ironische Persönlichkeit bekam, war nicht geplant, sondern ergab sich während des Schreibens.

  Es gibt da ein eigenartiges Phänomen sowohl bei internationalen, als auch deutschsprachigen Autoren. Waren im Fantasy-Genre sehr bald auch zahlreiche weibliche Autoren recht erfolgreich aktiv, so sind sie bei der Science-Fiction-Literatur vergleichsweise selten zu finden. Hätten Sie keine Lust, diesen Trend zu durchbrechen, wozu sie bei Ihrem Lebenslauf geradezu prädestiniert zu sein scheinen?

  Lustig, dass Sie das fragen, denn ich arbeite momentan tatsächlich an einem SF-Stoff. Ich fühle mich in der Science Fiction sehr wohl und würde wahnsinnig gern meine eigenen Geschichten dort erzählen, aber in Deutschland liegt das Genre gerade brach, deshalb könnte es schwierig werden, einen Verlag für das Buch zu finden. Das ist mir aber erst einmal egal. Ich werde es schreiben und dann mal sehen, ob es jemand lesen will.


  Haben Sie eine Vermutung, warum es im deutschen Sprachraum trotz einen phänomenal erfolgreichen Heftserie wie „Perry Rhodan“ doch vergleichsweise lang dauerte, bis es Science-Fiction- und Fantasy-Autoren gab, die sich auch bei ihren Auflagengrößen zumindest in ihren eigenen Ländern mit den internationalen Größen messen lassen können? Die von Wolfgang Jeschkes herausgegebenen Reihen, Suhrkamps Phantastische Bibliothek o.ä. wandten sich ja an einen eher begrenzen Leserkreis.

  Das ist schwer zu sagen. Die klassische Science Fiction hatte in Deutschland bis Mitte der Achtziger recht großen Erfolg, danach schwenkten die Verlage immer mehr auf Serien um, zum Beispiel Romane zu “Star Trek” oder “Shadowrun”, und verpassten dabei eine Menge neuer Strömungen. Davon hat sich das Genre bis heute nicht erholt. Selbst bekannte Autoren wie Eschbach veröffentlichen nur selten unter dem Label “Science Fiction”, weil Verlage glauben, dass SF nicht läuft. Ich halte das für einen Teufelskreis. Was nicht angeboten und vor allem beworben wird, kann auch keiner lesen.


  Mit „Das Schwert und die Lämmer“ haben sie sich ja an ein Genre gewagt, dass völlig andere Anforderungen stellt. Was gab den Anstoß für diesen historischen Roman?

  Ich hatte die Idee schon vor einigen Jahren und habe immer mal wieder damit gespielt. Nach “Der verwaiste Thron” fragte mein Agent, was ich als nächstes schreiben wolle und ich sagte es ihm. Bei Blanvalet war man von der Idee ebenfalls angetan, also konnte ich loslegen. Das habe ich auch nicht bereut.

  Waren die relativ hohen Anforderungen bei der Recherche für einen historischen Roman nicht abschreckend und war gerade das ein Teil des Vergnügens für Sie?

  Es macht Spaß, etwas ganz allein auf die Beine zu stellen, so wie man es in der Fantasy tut, aber sich an eine bestehende Welt heranzutasten und Stück für Stück in sie einzutauchen, ist faszinierend. Man stößt auf so viele Details, manchmal nur in Nebensätzen oder Anmerkungen, die die Phantasie ankurbeln und der Geschichte, die man erzählen will, eine eigene Note verleiht.

  Eine Detailfrage zu „Das Schwert und die Lämmer“ noch, warum entschieden sie sich für den Gotthard anstatt des Brenner für die Alpenüberquerung?

  Wie Sie in Ihrer Rezension schon schreiben, ist es wahrscheinlicher, dass der Kreuzzug den Brenner genommen hat, auch wenn man den Gotthard nicht auschließen kann. Auf dem Brenner war für meine Geschichte aber schlicht und ergreifend zu viel los. Karawanen, Pilger, Unterkünfte, da war es nicht viel anders als heutzutage zu den Sommerferien. Die Isolation des Kreuzzugs und die daraus entstehenden Konflikte hätte man in einem solchen Umfeld nicht erzählen können.

  Können Sie uns schon verraten, welche Projekte Sie für die Zukunft an Arbeit haben?

  Im Juni erscheint bei Weltbild mein zweiter historischer Roman “Pestmasken”, der zur Zeit der Pest in Köln angesiedelt ist. Danach wird man sehen, mein SF-Projekt ist in Arbeit, ich habe aber auch noch eine Idee für einen recht düsteren Fantasy-Roman.

  Herzlichen Dank! Und weiterhin viel Erfolg!

  Vielen Dank für die interessanten Fragen und alles Gute!

Von Alfred Ohswald

 

Claudia Kern
Sturm

Claudia Kern
Das Schwert und die Lämmer