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Zum 25. Todestag von Thomas Bernhard

  Ich möchte zu diesem Anlass einige Worte zu Bernhard sagen und mich dabei hauptsächlich auf seine Romane konzentrieren. Zuerst können wir mit dem Werk Der Untergeher beginnen. Der Ich-Erzähler scheint mir ein Alter Ego von Bernhard zu sein. Dafür spräche folgende, an Bernhards Spanienaufenthalte erinnernde Stelle: „Aber ich selbst , dachte ich, im Gasthaus stehend, wäre auch nicht imstande, auf einem Land zu leben, deshalb lebe ich ja auch in Madrid und denke nicht daran, von Madrid wegzugehen, aus dieser herrlichsten aller Städte, in welcher ich alles habe, was die Welt zu bieten hat. Der auf dem Land Lebende verdummt mit der Zeit, ohne daß er es merkt, eine Zeitlang glaubt er, es sei originell und seiner Gesundheit förderlich, aber das Landleben ist überhaupt nicht originell, sondern eine Abgeschmacktheit für jeden, der nicht auf dem oder für das Land geboren ist, und es ist seiner Gesundheit nur schädlich.“
  In der Paraphrasierung von Personen aus dem sogenannte einfachen Volk, später im Roman, schwingt zwar weniger Abschottung, doch immer noch Parodie mit: „ Der Herr Wertheimer, so sie, sei ihr immer ein willkommener Gast gewesen. Aber solche feinen Herren wissen gar nicht, was das heißt, so zu leben wie sie, ein solches Gasthaus wie die Dichtelmühe zu führen. Die (die feinen Herren!) redeten immer nur von ihren unverständlichen Zusammenhängen, hätten sich keinerlei Sorgen zu machen und verwendeten ihre ganze Zeit darauf, nachzudenken, was sie mit ihrem Geld und mit ihrer Zeit tun sollten. Sie selbst habe niemals genug Geld und niemals genug Zeit gehabt und sei nicht einmal nur unglücklich gewesen, im Gegensatz zu den von ihr apostrophierten feinen Herren, die immer genug Geld und genug Zeit hätten und andauernd von ihrem Unglück redeten.“


(C) Andrej Reiser (Suhrkamp)

  Spätestens bei der Formulierung „zu den von ihr apostrophierten feinen Herren“ zeigt sich, dass Bernhard selbst sich nie ganz Wohl fühlte beim Volk, bei der Mitte, bei den Normalen, wer auch immer das sein soll. Dies wird im Roman Alte Meister klar: „Dieses Verhältnis mit der Haushälterin und deren Tochter hat mich tatsächlich wieder gelehrt, wie abgrundtief scheußlich der Mensch sein kann, so Reger. Die sogenannten unteren Klassen sind, das ist doch die Wahrheit, genauso gemein und niederträchtig und genauso verlogen, wie die oberen. Das ist ja eines der abstoßendsten Kennzeichen dieser Zeit, das immer behauptet wird, die sogenannten einfachen und die sogenannten unterdrückten Menschen seien gut, die anderen schlecht, das ist eine der widerlichsten Verlogenenheiten, die mir bekannt sind, so Reger. Die Menschen sind insgesamt gleich niederträchtig und verlogen, so Reger. Die sogenannte Haushälterin ist um nichts besser als die sogenannte Herrschaft und tatsächlich ist es ja heute geradezu umgekehrt, wie ja alles heute umgekehrt ist, sagte Reger, die Haushälterin ist ja die Herrschaft heute, nicht umgekehrt.“ -Hierin ist er wie andere Schriftsteller seiner Zeit, man vergleiche nur, was er schreibt, mit dem, was zum Beispiel ein Adorno in dem siebten Aphorismus der Minima Moralia vertritt. Man sollte aber auch nicht glauben, dass Bernhard sich dann eben bedenkenlos zu den Intellektuellen in seiner Gegenwart bekannte. Hier konnte er ebenso anti-konformistisch und spöttisch sein wie auch sonst. Bezeichnend hierfür die Attacke gegen Heidegger in Alte Meister: „Heidegger war ein Kitschkopf, sagte Reger, genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker…“.
  Das Tragische und das Komische sind überhaupt Begriffe, die für die Interpretation seiner Erzeugnisse, wenn eine solche überhaupt möglich ist und von ihm gewollt gewesen wäre, fruchtbar sind. Man kann Bernhard als starken Pessimisten sehen und es gibt wohl kaum ein Buch von ihm, wo er nicht auf irgendetwas oder irgendwen schimpft. Man kann aber in diesem Spott auch ein humoristisches Element erblicken und auch Bernhard selbst soll im Privaten wie auch in Interviews einen gewissen Humor durchaus gehabt haben. Vielleicht kommt im Buch Das Kalkwerk der Humor sogar zu seinem eigenen Bewusstsein: „Oft suche ein solcher wie er Schutz, finde aber keinen, denn alles sei Schutzlosigkeit. Alles sei ihm ununterbrochen das Absolute, das ihn zu vernichten drohe. Wo ein solcher wie er hinkomme oder ankomme, er komme nur in die Irritation, an die Irritation. Aber nichts sei komisch als alles und dadurch, soll er gesagt haben, ist ja alles erträglich, weil es so komisch ist. Wir haben nichts anderes als den Inbegriff der Komödie auf der Welt und wir können tun, was wir wollen, wir kommen aus der Komödie nicht heraus, der Versuch der Jahrtausende, die Komödie zu einer Tragödie zu machen, hat naturgemäß scheitern müssen, soll er gesagt haben. Denn das mit dem Kalkwerk, soll Konrad zum Baurat gesagt haben, sagt Wieser, ist ja auch nichts anderes als eine Komödie.“ -Die Komödie als Unentrinnbarkeit, das ist die überraschende These des Polemikers und Verneiners. Noch Alte Meister, dessen Widerwillen ich oben bereits versucht habe wiederzugeben, trägt als Untertitel Komödie. Das Wort Komödie lässt auch im Titel von Theaterstücken, die am Ende der siebziger Jahre geschrieben wurden, finden und es gibt eine Erzählung mit dem Titel „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“. Und ist es nicht komödienhaft, wie Irrsigler zu Beginn von Alte Meister (S.9) beschrieben wird? Könnte man nicht zumindest schmunzeln, wenn einem folgende Stelle vorgelesen wird: „Die Schulklassen werden von ihren Lehrern oder Lehrerinnen durch das Museum geführt, was auf die Schüler eine verheerende Wirkung ausübt, denn die Lehrer würgen bei diesen Besuchen im Kunsthistorischen Museum jede Empfindsamkeit in diesen Schülern der Malerei und ihren Schöpfern mit ihrer schulmeisterlichen Beschränktheit ab. Stumpfsinnig, wie sie im allgemeinen sind, töten sie in den ihnen anvertrauten Schülern sehr bald jedes Gefühl nicht nur für die Malkunst, und der von ihnen angeführte Museumsbesuch ihrer sozusagen unschuldigen Opfer wird durch ihre Stumpfsinnigkeit und dadurch stumpfsinnige Geschwätzigkeit meistens zum letzten Museumsbesuch jedes einzelnen Schülers. Einmal mit ihren Lehrern in das Kunsthistorische Museum hineingegangen, gehen diese Schüler dann ihr ganzes Leben nicht mehr hinein. Der erste Besuch aller dieser jungen Menschen ist zugleich ihr letzter. Die Lehrer vernichten bei diesen Besuchen das Kunstinteresse der ihnen anvertrauten Schüler für immer, das ist eine Tatsache. Die Lehrer verderben die Schüler, das ist die Wahrheit, das ist eine jahrhundertealte Tatsache, und die österreichische Lehrer insbesondere verderben in den Schülern von Anfang an den Kunstgeschmack; alle jungen Menschen sind ja zuerst aufgeschlossen allem gegenüber, also auch der Kunst, aber die Lehrer treiben ihnen die Kunst gründlich aus; die in der Überzahl stumpfsinnigen Köpfe der österreichischen Lehrer gehen auch heute rücksichtslos vor gegen die Sehnsucht ihrer Schüler nach Kunst und überhaupt nach dem Künstlerischen, von welchem alle jungen Menschen von Anfang an auf die natürlichste Weise fasziniert und begeistert sind. Die Lehrer sind aber durch und durch kleinbürgerlich und gehen instinktiv gegen die Kunstbegeisterung ihrer Schüler vor, indem sie die Kunst und überhaupt alles Künstlerische auf ihren eigenen deprimierenden stupiden Dilettantismus herunterdrücken und in den Schulen die Kunst und das Künstlerische überhaupt zu ihrem ekelhaften Flöten- und genauso ekelhaften wie stümperhaften Chorgesang machen, was die Schüler abstoßen muss. So versperren die Lehrer schon von Anfang an ihren Schülern die Zugänge zur Kunst.“


(C) Andrej Reiser (Suhrkamp)

  Es spricht für den Reichtum an Facette dieses Künstlers, das im gleichen Band zugleich melancholischste Betrachtungen stehen, die die irre Gewohnheit von Reger erklären: „Mein lieber Atzbacher, ohne diese Gewohnheit wäre ich auch schon gestorben, sagte Reger gestern. Jeder Mensch braucht eine solche Gewohnheit zum Überleben, sagte er. Und ist es die verrückteste aller Gewohnheiten, er braucht sie. Regers Verfassung scheint sich gebessert zu haben, seine Sprechweise ist wieder die gleiche wie vor dem Tod seiner Frau. Zwar sagt er, dass er den sogenannten toten Punkt überwunden haben, aber er wird doch zeitlebens darunter leiden, von einer Frau allein gelassen zu sein.“
  Zuletzt will ich eine Stelle zitieren, bei der mir eine Warnung an Interpreten zu liegen scheint. So hoffe ich, dass ich mit diesem kleinen Einblick nicht verinterpretierte und dass ich die Rolle übernehmen durfte, die Irrsigler im Folgenden spielt: „Das Geschäft der Kunsthistoriker ist das übelste Geschäft, das es gibt, und ein schwätzender Kunsthistoriker, und es gibt ja nur schwätzende Kunsthistoriker, gehört mit der Peitsche verjagt, aus der Kunstwelt hinausgejagt, sagte Reger, hinausgejagt aus der Kunstwelt gehören alle Kunsthistoriker, denn die Kunsthistoriker sind die eigentlichen Kunstvernichter und wir sollten uns die Kunst nicht von den Kunsthistorikern als Kunstvernichter vernichten lassen. Wenn wir einem Kunsthistoriker zuhören, wird uns übel, sagte er, indem wir einem Kunsthistoriker zuhören, sehen wir, wie die Kunst, der er beschwätzt, vernichtet wird, mit dem Geschwätz des Kunsthistorikers schrumpft die Kunst und wird vernichtet. Tausende, ja Zehntausende Kunsthistoriker verschwätzen und vernichten die Kunst, sagte er. Die Kunsthistoriker sind die tatsächlichen Kunsttöter, hören wir einem Kunsthistoriker zu, nehmen wir an der Kunstvernichtung teil, wo ein Kunsthistoriker auftritt, wird die Kunst vernichtet, das ist die Wahrheit. So habe ich in meinem Leben kaum etwas mit einem tieferen Hass gehaßt, als die Kunsthistoriker, so Reger. Irrsigler zuzuhören, wenn er einem Ahnungslosen ein Bild erklärt, ist eine reine Freude, sagte Reger, denn er ist im Zustand des Erklärens eines Kunstwerks niemals geschwätzig, er ist kein Schwätzer, nur der bescheidene Aufklärer und Berichterstatter, der dem Betrachter das Kunstwerk offen läßt, es ihm nicht durch Geschwätz verschließt.“


Von Jean-Philippe Séraphin am 2. 2. 2014