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Interview mit Martin Balluch


   Martin Balluch wurde am 12. Oktober 1964 geboren und studierte Mathematik, Physik und Astronomie an der Universität Wien und promovierte 1989 in Heidelberg in Physik. 1990-1997 arbeitete er als Universitätsassistent in Cambridge. 2005 folgte eine zweite Promotion in Philosophie im Bereich Tierethik.
In Cambridge begann er sich für Tierrechte zu engagieren und setzte diese Tätigkeit in Österreich im Verein gegen Tierfabriken fort. Er gehört zu den Gründern der Veganen Gesellschaft Österreichs.
  Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen, darunter die Bücher „Widerstand in der Demokratie“ und „Tierschützer Staatsfeind“.
Am 21. Mai 2008 wurde Balluch mit 12 weiteren Tierschutzaktivisten festgenommen und wegen der Bildung einer kriminellen Organisation angeklagt.


  Wie weit sind die Verfahren gegen Sie und Ihre Kollegen gediegen und wie hoch ist der derzeitige Schaden für Sie?

  Mein Anwalt hat mir kürzlich vorgerechnet, dass das gesamte Ermittlungsverfahren dem Staat mindestens € 10 Millionen gekostet hat. Um diesen Betrag nicht vollkommen in den Sand gesetzt zu haben, versucht man offenbar wenigstens noch irgendeine Art von Verurteilung zu erreichen. Gegen mich ist der Freispruch rechtskräftig geworden, allerdings ist noch ein Ermittlungsverfahren offen: ich hätte im Sommer 2007 eine UVS-Richterin bestochen, einen Strafbescheid über € 200 (!) gegen andere Personen aufzuheben. In naher Zukunft aber wird der Berufungsprozess gegen 5 der ehemals 13 Angeklagten am Wiener Oberlandesgericht beginnen. Hier ist der Hauptvorwurf, dass die Androhung einer legalen Kampagne, sollte eine Firma nicht auf eine tierfreundlichere Geschäftspolitik umsteigen, eine schwere Nötigung sei. Für die für mich noch ausstehenden Verteidigungskosten von € 470.000 hat mir das Gericht als Entschädigung € 1250 geboten. Ohne den Erfolg einer großen Zivilklage gegen die Republik werde ich also Bankrott gehen müssen.


  Haben sich Journalisten oder Politiker, die sich besonders durch mediale Attacken auf Sie hervorgetan haben, später bei Ihnen entschuldigt?

  Nein.


  Gab ist zumindest vereinzelte prominente Vertreter des rechts-konservativen Lagers, die sich zumindest einigermaßen auf Ihre Seite geschlagen hatten?

  Ich denke es wird schon solche Personen gegeben haben, aber sie sind nicht an die Öffentlichkeit getreten.


  Haben Sie herausfinden können, wer hinter dieser Aktion gegen Sie und Ihre Kollegen stand? Oder hat sich da vermutlich eine seltsame Interessensgemeinschaft gebildet?

  Jede Mutmaßung an dieser Stelle könnte zu einer Klage wegen übler Nachrede führen. Aber es gibt natürlich sehr mächtige Interessensgemeinschaften aus der Jagd und der Tierindustrie, der wir sehr stark auf die Zehen gestiegen sind. Im Dokumentarfilm „Der Prozess“ wird ja sehr anschaulich und ohne Kommentar gezeigt, wie am Wiener Jägerball in der Hofburg genau jene Personen zusammentreffen, die einerseits unsere politischen GegnerInnen sind und andererseits das Verfahren gegen uns ausgelöst haben. Sie scheinen sich gut zu verstehen.

  Hätte eine NGO mit einem weniger in der Öffentlichkeit zumindest bis zu einem bestimmten Grad akzeptierten Anliegen und damit weniger Medienaufmerksamkeit die geringste Chance gehabt, aus einer vergleichbaren Situation herauszugeraten?

  Unser Ausgangspunkt war nicht so gut, als wir im Mai 2008 mit den Polizeirazzien konfrontiert wurden und in Untersuchungshaft gingen. In der NGO-Szene galt der Tierschutz als verschroben, insbesondere wegen seiner Basisanbindung, unter progressiven JournalistInnen galten wir als unsympathisch, hauptsächlich wegen der Assoziation von Tierschutz und Peter Singer. Wir mussten also diese Verwirrungen erst aufdröseln.
  Ich kann nur allen Gruppierungen raten, die von solchen Ermittlungen betroffen sind, sofort an die Öffentlichkeit zu gehen und immer mit offenen Karten zu spielen. Ich habe alle Vorwürfe von Polizei und Justiz gegen mich, also die polizeilichen Abschlussberichte und die Anklage, sofort öffentlich gemacht, obwohl darin sehr bösartige verdrehte und unwahre Behauptungen standen, als wären sie Fakt. In der Zeit zwischen U-Haft und Freispruch organisierte ich insgesamt 25 Pressekonferenzen. Bei der Verteidigung vor Gericht meldete ich mich so oft, wie möglich, zu Wort und versuchte weitgehend mich selbst zu verteidigen. Nicht zuletzt war mein Buch „Widerstand in der Demokratie“ eine Verteidigungsschrift, die aufklären sollte, welche Aktivitäten wir setzen, d.h. wie weit wir gehen und was wir nie tun würden. Die mediale Aufmerksamkeit und die Sympathie der Öffentlichkeit waren also hart erkämpft. Die Gefahr ist aber zweifellos gegeben, mit genau einer solchen Anklage ohne Straftaten überführt zu werden für Jahre im Gefängnis zu verschwinden. Allein schon deshalb wäre eine Entschärfung des § 278a StGB so dringend erforderlich.


  Sie vertreten ja auch Aktionen gegen bestimmte Formen der Jagd. Wollen Sie die Jagd langfristig generell abschaffen und was soll an ihre Stelle treten?

  Wir sehen uns als Anwaltschaft oder, politisch gesprochen, als Gewerkschaft der Tiere, d.h. wir haben die Rolle im Interessenskonflikt in der Gesellschaft möglichst viel für die Tiere herauszuholen. Im Fall der Jagd würde das bedeuten, nach Möglichkeit eine selbstorganisierte Tiergemeinschaft ohne künstlichen Einfluss mittels menschlicher Gewaltmaßnahmen zu erreichen. Wie das in unmittelbarer Nachbarschaft einer menschlichen Zivilisation aussehen könnte, haben wir wenig praktische Erfahrung, weil sich die Jägerschaft praktisch nirgends dreinreden lässt und so nirgendwo Projekte gewaltfreier Populationskontrollen stattfinden, wie z.B. durch Verhütungsmittel. Würde aber die Fütterung eingestellt, wäre schon sehr viel gewonnen. Da gibt es Erfahrungen in Nationalparks und die Forstwirtschaft fordert das schon lange. Es ist ja einer der großen Widersprüche der Jagd, einerseits wie besessen die Wildtiere zu füttern und dann andererseits „leider“ die Überpopulation kleinschießen zu „müssen“. Die Wildschweinprobleme, die offenbar momentan herrschen, gehen ja ausschließlich auf die zahllosen Fütterungen für Reh und Hirsch zurück, an denen sich die Wildschweine eben auch gütlich tun.


  Was ist Ihnen wichtiger, wenn sich Natur- und Tierschutz widersprechen? Beispiel der Wildbestand unserer heimischen Wälder, der für die Natur eigentlich viel zu hoch ist.

  Menschen gegenüber verbietet uns die Ethik, einzelne Individuen zu beseitigen, um die Gemeinschaft zu fördern. Bei Menschen geht der Schutz des Individuums vor. Warum sollte das bei Tieren anders sein? Ich habe noch nie verstanden, warum man einerseits zum Glück nicht mehr medizinischen Versuche an Menschen für Menschen macht, andererseits aber wie selbstverständlich medizinische Tierversuche an Tieren für Tiere (Veterinärmedizin) durchführt. Wenn wir uns dann durchgerungen haben, eine konsistente Ethik zu praktizieren, dann wird auch der Schutz der individuellen Tiere Priorität haben. Wie eine Korrektur der bisherigen Praxis aussehen muss, um diesen Individualschutz garantieren zu können, steht auf einem anderen Blatt.
  Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass sehr hohe Wildtierbestände nicht künstlich aufrecht erhalten werden dürfen. Das geringe Nahrungsangebot im Winter hat einen Sinn, der nicht durch Fütterungen außer Kraft gesetzt werden darf. Wir Menschen sollten schauen, dass wir sukzessive den Einfluss auf die Tiergemeinschaften reduzieren, wie das in echten Nationalparks vorgelebt wird.

  Themenwechsel: Hatten Sie in Cambridge Gelegenheit, Stephen Hawking persönlich kennenzulernen?

  Ja, natürlich. Im Jahr 1994 hätte ich wegen meiner Tierschutzaktivitäten deportiert werden sollen, aber Stephen Hawking schrieb, wie viele andere EngländerInnen auch, einen Brief an das Home Office, um für meinen Verbleib in England einzutreten. Dennoch muss man sagen, dass ihm Tierschutz nicht sehr wichtig war. Da gab es andere Größen der Mathematik und Physik, wie z.B. sein Doktorvater Roger Penrose, die sich vergleichsweise vehement für Tierschutz stark machten. Doch vielleicht hat Hawking mittlerweile seine Meinung dazu geändert, meine Bekanntschaft mit ihm endete ja 1997.

  Herzlichen Dank für Ihre Zeit und viel Erfolg bei Ihren weiteren Vorhaben!

Von Alfred Ohswald am 2. 5. 2013

 

Martin Balluch
Tierschutz-Staatsfeind
In den Fängen von Polizei und Justiz