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Interview mit Andreas Brandhorst


© Lutz Weil

  Andreas Brandhorst ist 1956 in Sielhorst in Nordrhein-Westfalen geboren, wanderte 1984 nach Italien aus und kehrte 2013 nach Deutschland zurück.
  Von 1975 bis 1988 schrieb er einige Heftromane und gemeinsam mit Horst Pukallus einige Bücher, wie etwa die „Akasha“ und die „Im-Zeichen-der-Feuerstraße“-Trilogie. Die folgenden 15 Jahre war er als Übersetzer tätig, wobei Terry Pratchett wohl zu den prominentesten Beispielen zählt. Danach schaffte er mit den beiden zusammengehörigen Trilogien „Diamant“, „Der Metamorph“, „Der Zeitkrieg“ und “Feuervögel“, „Feuerstürme“, „Feuerträume“ den Durchbruch als Autor. Es folgten zahlreiche (wirklich zahlreiche!) weitere Romane, darunter „Die Stadt“, „Kinder der Ewigkeit“, „Das Artefakt“, „Der Kosmotop“, „Das Schiff“, „Omni“, „Das Erwachen“ „Ewiges Leben“, "Eklipse" und Perry Rhodan-Romane, zuletzt „Wiege der Menschheit“.

  Spielen Perry Rhodan bei Ihre Entscheidung, meist Science Fiction zu schreiben (mit Ausnahme „Die Stadt“) wie bei vielen anderen deutschsprachigen Autoren auch eine wichtige Rolle oder war es mehr die erste Blütezeit dieses Genres beim Heyne Verlag?

  »Die Stadt« ist keineswegs mein einziger Roman, der außerhalb von Science Fiction angesiedelt ist. Hinzu kommen in chronologischer Reihenfolge: »Äon«, »Seelenfänger«, »Das Erwachen« und »Ewiges Leben« - die beiden zuerst genannten Romane sind Mystery Thriller, die beiden anderen Wissenschaftsthriller. Außerdem wäre da noch »Das Flüstern« (erscheint am 5. August 2019), ein Psychothriller, der mir aus gewissen Gründen besonders am Herzen liegt. Ich habe also insgesamt sechs Romane (zwei davon ziemlich dick) geschrieben, die nichts mit SF zu tun haben – das ist schon ein erheblicher Teil meines Schaffens.
  Aber mit Science Fiction hat für mich alles begonnen, und ich liebe die SF nach wie vor: diese große kosmische Bühne, auf der man so viele Geschichten erzählen, so viel bunt und imposant in Szene setzen kann. Den Ausschlag für meine SF-Begeisterung gab die Fernsehserie »Raumpatrouille«, die ich 1966 als Zehnjähriger sah – ich war hin und weg. Einige Jahre später begann ich Perry Rhodan zu lesen, ich habe die Hefte damals regelrecht verschlungen. Der »sense of wonder« hatte es mir angetan, das Staunen angesichts der Unermesslichkeit des Kosmos, der Wunder des Universums. Deshalb waren meine ersten Romane Science-Fiction-Romane: Ich wollte den Zauber der SF als Autor aus einer anderen Perspektive erfahren, als Erzähler von Geschichten, und ihn an meine Leser weitergeben.

  Warum die lange Unterbrechung als Autor, hat sie der nicht ganz überzeugende Erfolg ihrer ersten Werke entmutigt?

  »Schatten des Ichs«, mein erster großer SF-Roman (erschienen 1983 bei Moewig) war damals recht erfolgreich, und das galt auch für die anderen, zum Beispiel »Mondsturmzeit« bei Goldmann. Der Grund, warum der Autor Andreas Brandhorst in den Hintergrund trat und zum Übersetzer wurde, war ein anderer. 1984 bin ich mit meiner Familie (meine damalige Ehefrau war Italienerin) nach Italien ausgewandert, und um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern, musste ein regelmäßiges Einkommen garantiert sein, was sich mit Übersetzungen am besten bewerkstelligen ließ.

  Lernten Sie den von Ihnen übersetzten Terry Pratchett zu seinen Lebzeiten persönlich kennen?

  Nein, da ist leider immer etwas dazwischengekommen. Was auch daran lag, dass ich all die Jahre in Italien lebte. Aber ich habe von Anfang an in Verbindung mit ihm gestanden, zuerst per Brief (in jener grauen Vorzeit, in der weder Fax noch Internet existierten), später dann per Fax und E-Mail.

  Wie darf man sich das Schreiben für eine Heftreihe mit fortlaufender Handlung, wie Perry Rhodan vorstellen? Bekommt man ein Exposee und wie weit deckt es die Handlung ab? Unterscheiden sich die Vorgaben für Gastautoren und regulären Autoren?

  Ich schreibe nicht als Stammautor für die Heftserie Perry Rhodan und habe nie als Stammautor für sie geschrieben. Meine Beiträge für das »Perryversum« sind deren 3: »Exodus der Generation«, ein 2004 bei Heyne erschienenes Taschenbuch (dritter Band der sechsbändigen Lemuria-Reihe); »Die Trümmersphäre«, ein 2006 erschienenes Paperback (Teil zwei der dreibändigen Pan-Thau-Ra-Reihe) und schließlich »Wiege der Menschheit« (2019), ein Gastroman für die Heftserie. Das Exposé beschreibt den Handlungsrahmen: Was muss erwähnt werden? Wohin geht die Geschichte? Die Exposés von Gastautoren unterscheiden sich nicht von denen für die regulären Autoren (zu denen ich nicht gehöre), wohl aber das Setting, denn Gastautoren sind mit dem Perry-Rodan-Universum nicht annähernd (!) so vertraut wie die Autoren, die seit vielen Jahren für die Serie schreiben.

  Haben Sie eine besondere Arbeitsmethode, die Ihnen Ihr enormes Schreibtempo ermöglicht oder ist es schlicht Disziplin?

  Die Frage erstaunt mich sehr, weil ich ein sehr langsam und nachdenklicher Autor bin. :-) Von einem »enormen Schreibtempo« kann nun wirklich nicht die Rede sein. Ich schreibe nicht mehr als 3 bis 6 Seiten pro Tag, das allerdings jeden Tag, immer, seit Jahren. Das Ergebnis sind etwa anderthalb Romane im Jahr – andere deutsche Autoren sind da wesentlich produktiver. Dieses Jahr 2019 ist ein Sonderfall: Es erscheinen gleich drei neue Romane von mir, was natürlich nicht bedeutet, dass sie auch in einem Jahr geschrieben wurden. Die Manuskripte haben sich ein wenig angestaut, auch deshalb, weil »Ewiges Leben« (Oktober 2018) aus Aktualitätsgründen vorgezogen wurde.

  Wurden Sie auch von der ziemlich plötzlich auftauchenden Menge deutschsprachiger Autoren des Science Fiction- oder des Fantasy-Genres mit bemerkenswerter Qualität, die sich locker international messen lassen kann, etwas überrascht?

  Wo sehen Sie ein »plötzliches Auftauchen«? Die deutschen Autoren, die heute auf internationalem Niveau schreiben und publizieren, haben alle jahrelang hart daran gearbeitet. Die Medien schenken ihnen nur mehr Aufmerksamkeit, weil sie Erfolg haben, aber dieser Erfolg kommt nicht plötzlich aus dem Nichts, er ist oft das Ergebnis von vielen Jahren angefüllt mit Lernen, Fleiß, Durchhaltevermögen und eiserner Disziplin.

  Im Gegensatz zu nicht wenigen us-amerikanischen Autoren der Science Fiction oder Fantasy, die gerne allzu offensichtlich historische Vorbilder für ihre Bücher verwenden, machen sich deutschsprachige Autoren mehr Mühe beim World-Building. Im Übrigen auch was die Originalität des technischen (oder der Magie bei Fantasy) Hintergrunds betrifft. Spielt da möglicherweise das mangelnde Wissen (oder Interesse) eines großen Teils der Leser in den USA eine Rolle?

  Ich sehe da, ehrlich gesagt, keine großen Unterschiede zwischen erfolgreichen Autoren diesseits und jenseits des Atlantiks. Nehmen Sie den »Weltenbau« eines Dan Simmons oder Frank Herbert. Romane wie »Hyperion« und »Der Wüstenplanet« sind echte Meilensteine der Literatur, und zwar auch wegen der komplexen Welten, die sie beschreiben. Und hierzulande gibt es natürlich ebenfalls Autoren, die sehr viel Kreativität und Mühe in die Ausarbeitung der Handlungshintergründe investieren. Ich zähle mich selbst dazu – jeder meiner Romane ist in einem sehr »tiefen« Universum angesiedelt. Ich denke, es zahlt sich letztendlich aus, wenn man mit so viel Engagement arbeitet.

  Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, wieder ab und an einen Roman abseits der Science Fiction zu schreiben?

  Seit mehreren Jahren schreibe ich im Wechsel einen Science-Fiction-Roman und einen Thriller. Der letzte SF-Roman, den ich geschrieben habe, ist »Das Netz der Sterne« und erscheint im Dezember 2019 bei Piper. Derzeit arbeite ich wieder an einem Thriller, und zwar an einem Roman, der die Geschichte nach »Das Erwachen« (Oktober 2017) erzählt. Erscheinungstermin voraussichtlich Herbst 2020. Danach kommt wieder ein SF-Roman und danach erneut ein Thriller – für beide Romane gibt es Verträge und Konzepte.

  In „Eklipse“ taucht ein Wesen namens “Spike“ auf, dass in gewisser Weise an das “Shrike“ in Dan Simmons „Hyperion“ erinnert. Täuscht dieser Eindruck?

  Das Spike in »Eklipse« heißt so, weil es viele Stacheln und Dorne hat, die sehr gefährlich sind. Mit Dan Simmons' Shrike hat es nichts zu tun, das geht auch aus der Handlung des Romans hervor.

  Herzlichen Dank und viel Erfolg für künftige Projekte!


Von Alfred Ohswald am 13. 7. 2019